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Einblicke in die Zeller Laubhütte: Jüdisches Kleinod als seltener Zeitzeuge

15.02.2017

Würzburg - Zell: Um das Jahr 1900 wies Unterfranken mit fast 14.000 jüdischen Einwohnern den höchsten jüdischen Bevölkerungsteil unter den bayerischen Regierungsbezirken auf. Zeitweise gab es an die 200 Gemeinden. Viele Juden lebten auf dem Land und bereicherten die Gemeinden als eine Glaubensgemeinschaft mit gelebtem Brauchtum. Von einflussreichen jüdischen Persönlichkeiten auch aus den Bereichen Wirtschaft oder Politik berichten viele Ortschroniken. Bürgermeister Dr. Adolf Bauer betonte nun bei der Eröffnung der Ausstellung „Einblicke in die Zeller Laubhütte“, dass dieses Miteinander, das über Jahrhunderte Mainfranken prägte, mit der Shoa ein brutales Ende fand: „Mit dem Landjudentum haben die Nazis ein wesentliches Element des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in Unterfranken ausgelöscht. Unsere Heimat ist dadurch viel, viel ärmer geworden.“

 

Umso wichtiger sei es, dass die Lebensform und die Leistungen der unterfränkischen Juden nicht in Vergessenheit geraten. Die aktuelle Ausstellung im Würzburger Rathaus möchte hierzu einen Beitrag leisten. Sie zeigt großformatige Fotografien der historischen Laubhütte der Familie Rosenbaum. Das seltene - wenn nicht einzigartige - Kulturdenkmal der Marktgemeinde Zell wird derzeit saniert. Die Kulturwissenschaftlerin Annette Taigel, die zusammen mit der Fotografien Katrin Heyer und dem Grafikdesigner Ulli Hantke die Ausstellung konzipierte, wollte, dass dieser in Natura rund 20 Quadratmeter große Raum auch während der Renovierungsphase „durch eine Wanderausstellung öffentlich zugänglich bleibt“.

 

Die Laubhütte geht auf Mendel Rosenbaum (1783-1868) zurück. 1822 zog dieser im Zuge der gewalttätigen antisemitischen Hep-Hep-Unruhen mit seiner Familie von Würzburg nach Zell. Dort lebte er mit seiner Ehefrau Mendle und den neun Kindern im „Judenhof“, dem ehemaligen Propstei- und Wirtschaftshof des säkularisierten Unterzeller Frauenklosters. Hier installierte er den ersten Zeller Kaufladen und handelte mit koscheren Lebensmitteln, Mehl, Gewürzen, Eisen, Leder, Schnittwaren, Seilen, Nägeln, Zigarren, Esswaren, Stoffen. Sein jüngster Sohn Jona übernahm das Geschäft und eröffnete 1871 in der Würzburger Augustinerstraße 18 eine Konditorei und Feinbäckerei. Mendel Rosenbaums ältester Sohn Moses übernahm die Nagelschmiede im heutigen Anwesen Judenhof 13 und durfte jüdische Lehrlinge ausbilden. Mitte der 1870er Jahre zog Moses Rosenbaum nach Memmingen, blieb aber Beisitzer im Zeller Turnverein. Im Anwesen der Rosenbaums in Zell befanden sich ein Betraum und die bis heute gut erhaltene Laubhütte. Hier feierte die Familie jedes Jahr das Laubhüttenfest. Darüber hinaus unterhielten Mendel und seine Söhne eine Talmudschule, die von zwei Söhnen weitergeführt wurde. Der „Judenbischof von Zell“ genannte Mendel Rosenbaum machte sich besonders einen Namen als politischer Sprecher der fränkischen Juden in den 1850er-Jahren.

 

Für gewöhnlich werden Laubhütten nur für die Woche des Fests errichtet, die Rosenbaums investierten laut Annette Taigel in diesen verputzen Massivbau allerdings besonders viel kreative Energie: „Bis heute berühren die Details!“ So beispielsweise ein bewegliches Holzdach auf Schienen, das es ermöglichte, zwischen den aufgeschichteten Pappelzweigen hindurch den Himmel zu erspähen. Über 100 Jahre nach der letzten Feier der Familie wirkt vieles wie gerade erst zurück gelassen. Diese besondere Magie hat nicht nur den „Freundeskreis der Zeller Laubhütte“ gepackt, der das Kleinod seit Jahren erforscht oder auch Mittel für die Sanierung auftrieb.

 

 

 

Weitere Hintergründe bietet die Homepage: www.zellerlaubhuette.de. Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Februar im Oberen Foyer des Würzburger Rathauses zu sehen.

 

„Laubhütte“ Einblick und Rückblick: Grafikdesigner Ulli Hantke, Fotografin Katrin Heyer, Bürgermeister Dr. Adolf Bauer und Kulturwissenschaftlerin Annette Taigel vor einer der Fotografien, die das Zeller Kulturdenkmal vorstellen. Bild: Georg Wagenbrenner

Von: PM/GW