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40 Jahre universitäre Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern

10.10.2018

Jubiläum des Würzburger Universitätsklinikums


Im Jahr 1978 wurde in Würzburg Bayerns erster Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie gegründet. Nach einer 40-jährigen Weiterentwicklung ist die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Uniklinikums Würzburg auch heute bei Patientenversorgung, Forschung und Lehre eine der erfolgreichsten entsprechenden Einrichtungen in Deutschland. Am 5. Oktober dieses Jahres markierte ein Symposium mit anschließendem Staatsempfang das Jubiläum.

 

Aktuellen Erhebungen zufolge ist in Deutschland jedes vierte bis fünfte Kind von Symptomen einer psychischen Störung betroffen. Da die Erkrankungen in vielen Fällen chronisch verlaufen, haben sie erhebliche psychosoziale und sozioökonomische Auswirkungen. Ein Schlüsseldatum für den Umgang mit diesen Herausforderungen war in Bayern der 1. September 1978. Damals wurde unter Leitung von Prof. Dr. Gerhardt Nissen in Würzburg der erste Lehrstuhl und die erste universitäre Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie im Freistaat gegründet. Die zugehörige Klinik wurde in der Folge in Kooperation mit dem Bezirk Unterfranken und der Diakonie Würzburg e.V. erheblich ausgebaut.

 

Festveranstaltung mit über 250 Gästen

Am 5. Oktober dieses Jahres feierten die Würzburger Universitätsmedizin und die bayerische Staatsregierung das 40-jährige Jubiläum der Einrichtung mit einem Symposium und einem anschließenden Staatsempfang. Dabei kamen über 250 Gäste im Rudolf-Virchow-Zentrum auf dem Altcampus des Uniklinikums Würzburg (UKW) zusammen. Nach Grußworten des Ärztlichen Direktors des UKW, Prof. Dr. Georg Ertl, des Präsidenten der Julius-Maximilians-Universität, Prof. Dr. Alfred Forchel, der bayerischen Landtagspräsidentin, Barbara Stamm, und der Bayerischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Marion Kiechle, zeigte Prof. Dr. Andreas Warnke, der nach Prof. Nissen von 1992 bis 2012 die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) leitete, in seinem Vortrag deren Entwicklung auf.

 

Von provisorischen Anfängen auf heute jährlich 3.700 Patienten

Aus einer provisorischen Station mit 18 Betten in der damaligen Universitäts-Kinderklinik am Röntgenring hat sich die KJPPP als Teil des im Jahr 2014 gegründeten Zentrums für Psychische Gesundheit (ZEP) am Margarete-Höppel-Platz erheblich weiterentwickelt. „In der klinischen Kooperation mit dem Bezirk Unterfranken und der Diakonie Würzburg e.V. versorgt die Würzburger Kinder- und Jugendpsychiatrie heute mit 61 stationären und 14 tagesklinischen Plätzen im Jahr 1.200 Patienten stationär und teilstationär. Rund 2.500 junge Menschen werden jährlich ambulant behandelt“, berichtete der emeritierte Lehrstuhlinhaber Prof. Warnke.

 

Lehrstätte für viele Disziplinen

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in der Lehre und Ausbildung einer Vielzahl von Fächern aktiv, unter anderem in der Medizin, Psychologie und Sonderpädagogik sowie im Masterstudiengang Translational Neuroscience oder in der Fachpflegeausbildung. „Weiterhin tragen wir durch die Ausbildung vieler Fachgruppen sowie einem vielfältigen Angebot an Fortbildungen und Tagungen zu einer besseren Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen in Unterfranken und überregional bei“, unterstrich Prof. Warnke. Beispielsweise seien in Unterfranken mehr als 30 Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in niedergelassenen Praxen tätig, von denen der weit überwiegende Teil die erforderlichen Facharztqualifikationen am UKW erwarb.

 

Die Bedeutung der Kinder- und Jugendpsychiatrie für die Gesellschaft

Als externer Festredner des Symposiums verdeutlichte Prof. Dr. Jörg Fegert vom Universitätsklinikum Ulm, welche essentielle Rolle die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen in Deutschland spielt. Nach seiner Einschätzung gingen und gehen von ihr wesentliche Impulse zur Verbesserung des Kinderschutzes aus. „Die Kliniken leisten täglich Hilfe in Notlagen und Krisen. Mittlerweile ist fast flächendeckend eine Versorgung auf höchstem Niveau gewährleistet, zumal sich die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte in den letzten zehn Jahren etwa verdoppelt hat“, schilderte Prof. Fegert. Das Fach fungiere als Scharnier zwischen unterschiedlichen Systemen: zwischen der Pädiatrie und dem Schulsystem, der Jugendhilfe und den Gerichten sowie zwischen Psychiatrie und Psychologie. „Nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bündelt sich das Wissen um die psychische, kognitive, sprachliche, körperliche, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, so dass dem Fach eine zentrale Rolle zukommt“, betonte der renommierte Psychiater und Direktor der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie.

 

Forschung für die Menschen

Prof. Dr. Marcel Romanos, der aktuelle Leiter der Würzburger KJPPP, berichtete beim Festsymposium von den umfangreichen Forschungsaktivitäten seiner Klinik. „Ziel dabei war es immer, durch ein besseres Verständnis der seelischen Krankheiten Wege zu finden, den Kindern besser helfen zu können – oder Erkrankungen gar präventiv verhindern zu können“, sagte der Klinikdirektor. Nach seinen Worten werde die wissenschaftliche Arbeit der KJPPP national und international wahrgenommen. Das Spektrum reicht von der molekularen Grundlagenforschung über internationale Registerstudien zur Arzneimittelsicherheit bis hin zu translationalen Therapiestudien in Forschungsverbünden und Netzwerken. Beispielsweise hatte die Klinik wesentlichen Anteil an den weltweit größten Psychotherapiestudien zum ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Weiterhin bündelt das in diesem Jahr am ZEP in Würzburg gegründete Interdisziplinäre Zentrum für Angsterkrankungen eine klinische sowie wissenschaftliche Expertise auf international führendem Niveau.

 

Die Zukunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Trotz dieser Bemühungen gibt es laut Prof. Romanos noch immer enorme Wissenslücken, die geschlossen werden müssten. „Dies kann nur durch eine nachhaltige strukturelle Förderung gelingen, die es ermöglicht, über Jahre und Jahrzehnte Forschungsfragen kontinuierlich zu verfolgen und die Ergebnisse konsequent für die betroffenen Kinder nutzbar zu machen“, unterstrich der Mediziner. Die kürzlich erfolgte Ankündigung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Deutsche Zentren für psychische Gesundheit sowie für Kindergesundheit einzurichten, biete die einmalige Chance, Forschungsstrukturen zu schaffen, die wesentlich dazu beitragen können, die psychische Gesundheit in der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern. Für Prof. Romanos ist das Interdisziplinäre Zentrum für Angstforschung ein unverzichtbarer Bestandteil einer nationalen Forschungsstrategie. Alle Forschung müsse aber letztlich den Patienten dienen. Sein Fazit: „Wir müssen Fürsprecher und Lobbyisten für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen sein und uns in der Öffentlichkeit, wie auch in der Politik für sie weiterhin mit aller Kraft einsetzen.“

 

Statements aus den Grußworten des Symposiums:

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist auch ein gutes Beispiel für die exzellente Zusammenarbeit des Universitätsklinikums mit der Stadt Würzburg und der Region, wir fühlen uns zuständig für Bereiche und Versorgungslevel, die andere Kliniken nicht leisten können, darüber hinaus für medizinische Innovation im Sinne von Forschung und Lehre für unsere Patienten. Das gilt auch und ganz besonders für unsere Kinder- und Jugendpsychiatrie.“

Prof. Dr. Georg Ertl, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Würzburg

 

„Vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen der von psychischen Erkrankungen betroffenen Kinder und Jugendlichen kann die Bedeutung des Faches nicht überschätzt werden.“

Prof. Dr. Alfred Forchel, Präsident der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

 

„Es muss in unserer Gesellschaft gelingen, dass wir nicht fragen ‚Was darf ein Kind kosten‘, sondern auch ‚Was braucht ein Kind‘.“

Barbara Stamm, Präsidentin der Bayerischen Landtags

 

„Es ist mir ein Herzensanliegen, dass auch psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr in unserer Gesellschaft sind.“ „Die Würzburger Kinder- und Jugendpsychiatrie war stilbildend für die Psychiatrie in Bayern.“

Prof. Dr. Marion Kiechle, Bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst

 

Einige Fakten aus dem Festvortrag von Prof. Dr. Jörg Fegert (Universitätsklinikum Ulm):

  • Mindestens sechs Prozent aller Kinder unter 18 Jahren in Deutschland sind behandlungsbedürftig psychisch krank und erfüllen entsprechende Diagnosekriterien.
  • Die Zahl der Fachärztinnen und Fachärzte in Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich in Deutschland den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt.
  • Die Hälfte der behandlungsbedürftigen Kinder bekommt auch heute keine Behandlung, trotz allgemein guter Versorgungslage.
  • Jährlich entstehen der deutschen Gesellschaft die Folgen von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch sowie Vernachlässigung Kosten in Höhe von elf Milliarden Euro.
  • In Europa sind 18 Millionen Kinder von sexuellem Missbrauch betroffen, weitere 44 Millionen Kinder von körperlicher Misshandlung. 55 Millionen Kinder werden Opfer von psychischer Misshandlung. 90% aller Misshandlungsfälle werden nicht wahrgenommen.

 

Bild 1: Die Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) des Uniklinikums Würzburg ist heute Teil des Zentrums für Psychische Gesundheit (ZEP) am Margarete-Höppel-Platz. Bild: Felix Scheuerpflug / Uniklinikum Würzburg.___Bild 2: An der KJPPP werden pro Jahr 1.200 Patienten stationär und teilstationär versorgt. Rund 2.500 junge Menschen werden ambulant behandelt. Bild: Thomas Pieruschek / Uniklinikum Würzburg.___Bild 3: Diese in einer Therapiesitzung der Kinder- und Jugendpsychiatrie entstandene Zeichnung verdeutlicht, unter welchem psychischem Druck manche der jungen Patientinnen und Patienten stehen. Bild: Uniklinikum Würzburg.___Bild 4: Zu den an der Würzburger Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psy-chotherapie behandelten Krankheitsbildern gehören auch Depressionen (Patientenzeichnung). Bild: Uniklinikum Würzburg.___Bild 5: Die KJPPP hilft Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen sowie deren Familien. Zum Angebot gehören kompetente Diagnostik, fachliche Beratung und Therapien nach dem aktuellen Wissensstand. Bild: Thomas Pieruschek / Uniklinikum Würzburg.___Bild 6: Blick ins Publikum. Bild: Tom Bauer.___Bild 7: Prof. Georg Ertl, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Würzburg, begrüßt die etwa 200 Gäste. Bild: Tom Bauer.___Bild 8: Landtagspräsidentin Barbara Stamm bei ihrem Grußwort. Bild: Tom Bauer.___Bild 9: Prof. Marion Kiechle hebt bei ihrem Grußwort die Verdienste der Kinder- und Jugendpsychiatrie Würzburg hervor. Bild: Tom Bauer.___Bild 10: Prof. Dr. Marion Kiechle hebt den gesellschaftlichen Beitrag hervor, den die Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. -psychotherapie leistet. Bild: Tom Bauer.___Bild 11: Viel Prominenz fand sich bei der Festveranstaltung ein: Zu sehen sind u.a. Prof. Dr. Georg Ertl (Ärztlicher Direktor des UKW, 5.v.l.), Prof. Dr. Marcel Romanos (Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 7.v.l.), Prof. Dr. Marion Kiechle (Mitte), Landtagspräsidentin Barbara Stamm (4.v.r.), Prof. Dr. Alfred Forchel (Präsident der Julius-Maximilians-Universität, 2.v.r.). Bild: Tom Bauer.___Bild 12: Prof. Dr. Marcel Romanos moderierte die Festveranstaltung. Bild: Tom Bauer.___Bild 13: Staatsempfang im Foyer des Rudolf-Virchow-Zentrums. Bild: Tom Bauer.___Bild 14: Prof. Dr. Andreas Warnke referierte über die Entwicklung des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bild: Tom Bauer


Von: S. Thomas/S. Just