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"Schach ist wie Ferien!": Warum die Unterfränkische Einzelmeisterschaft für den SK Schweinfurt 2000 ein lohnenswertes Turnier ist

11.04.2012

Schweinfurt - "Ich habe den Läufer abgerippt und die H-Linie zugemacht. Jetzt brauche ich nur noch die Bauern abzuräumen!" Wer in diesen Tagen im Schweinfurter Pfarrzentrum St. Kilian weilt und die 63. Unterfränkischen Schach-Einzelmeisterschaften besucht, die noch bis Samstagnachmittag dauern, wird von überwiegend erwachenen Männern solche Sätze schon mal hören. Es sind die Bretter, die für so manchen die Welt bedeuten. Ertmals seit 1963 und damit nach fast 50 Jahren Pause finden die heuer sechstätigen Bezirksmeisterschaften mal wieder in Schweinfurt statt. Der veranstaltende Schachklub Schweinfurt 2000 hat somit einige organisatorische Arbeit.


1963 holte der Schachklub 1893 die Meisterschaftan anlässlich seines 70-Jährigen Bestehens letztmals nach Schweinfurt. 1977 bekam man erneut den Zuschlag, "sechs Wochen vorher aber wurde bekannt, dass die dafür vorgesehenen Räume im Café Beier umgebaut werden", brachte Norbert Lukas in Erfahrung. Statt im einstigen Vereinslokal wurde das Turnier in Bad Königshofen ausgetragen. "Danach gab es nie mehr Benühungen, es in Schweinfurt auszurichten", weiß der Vereinsvorsitzende Lukas. Mehrfach trafen sich die Schachspieler danach in Würzburg, Karlstadt, Rieneck, Bergrheinfeld oder Maßbach. 2011 gewann in Gerolzhofen der für den SK 1933 Bad Neustadt startende Dr. Hans-Joachim Hofstetter. 2010 in Kitzingen siegte Harald Golda vom SK Schweinfurt 2000. Beide gehören auch heuer zu den Favoriten. Kurios aber: Sowohl der bereits fünffache unterfränkische Meister Golda als auch der vierfache Titelträger Hofstetter, der 1987 erstmals gewann, verloren ihre Auftaktpartien der ersten von insgesamt neun Runden. Mit Dr. Gabriel Seuffert (Gochsheim, startet für den SV Würzburg von 1865) erwischte es auch die Nummer eins der Setzliste. "Diese drei wären vor dem Turnier als Favoriten genannt worden...", wundert sich Lukas. Gute Chancen werden auch Alexander Kulagin vom SC Bad Königshofen eingeräumt oder Tobias Kuhn. Der Klingenberger gewann 2009 in Obernau das Turnier.

Insgesamt 91 Spieler nehmen teil. "100 sollten es eigentlich werden. Aber seit dem Jahr 2000 liegt der Schnitt bei 82", weiß Norbert Lukas ganz genau. 60 war seitdem die geringste Anzahl. 78 Vereine gibt es in Unterfranken, der Schachklub aus Schernau nahe Dettelbach kam jüngst erst dazu. Theoretisch hätten um die 1600 Aktive melden können. "Dann wäre der Saal wegen Überfüllung geschlossen", lacht Lukas und spricht von einem "Problem, dass man natürlich gerne hätte, wenn die Clubs einen Vereinsausflug machen würden statt nur ein Auto voll." Dass aus dem Raum Aschaffenburg nicht ganz so viele Spieler kommen, weil es bei der Entfernung ohne Übernachtung angesichts sechs Turniertagen mit Beginn spätestens jeweils um 9 Uhr eben nicht geht, das ahnten die Schweinfurter schon. Doch vom Untermain sind Teilnehmer da, nicht aber aus Münnerstadt oder Maßbach. Der Bad Kissinger Werner Schön sagte kurzfristig ab, so wie gleich drei Gemeldete wegen Magen-Darm-Grippe passen müssen. Mit Lukas Engelbrecht (Bad Königshofen) durfte der mit zehn Jahren jüngste Teilnehmer beim Reporterbesuch am Mittwochmorgen ausschlafen: Bei 91 Personen ist eine immer spielfrei...

Martin Brennfleck (77) aus Kitzingen ist der älteste Teilnehmer, nur ein Jahr jünger ist sein Teamkollege Wolfgang Walther, ebenso vom Schachclub Kitzingen von 1905. "Ich mache sporadisch mit, wenn ich Zeit habe", erzählt der Rentner nach seiner Niederlage in der 4. Runde. "Dabei sein ist alles", lautet sein Motto. Der große Ehrgeiz ist nicht mehr sein Ding. Doch die rund 50 Kilometer einfach fährt er täglich noch und hat vier Teamkollegen an Bord. "Zuhause wartet mein großer Garten", sagt Walther dann noch. Gut nur, dass das Wetter in diesen Tagen eben doch besser zum Schach passt als zum Rasenmähen.

Ein bisschen wie Harry Potter wirkt Yannick Brätz - und seine Figur, die er für das Foto in der Hand hält, schaut aus wie sein Zauberstab. Der Elfjährige ist der zweitjüngste Teilnehmer und vertritt die Hausherren. "Weil mir das Denken Spaß macht", ist Yannick seit drei Jahren schon aktiv und feritags auch immer dabei, wenn ab frühabends in der Spinnmühle an der Gutermannpromenade geübt wird. Zum Schach kam er mit einem Schulfreund über das Ferienprogramm der Stadt. "In meiner Familie kann keiner spielen. Papa findet es zu anstregend", plaudert der Junior, der nebenbei noch als Fußballer kickt in der U 13 der Freien Turner Schweinfurt und der auch am Computer spielt: "Aber nur Schach gegen mich selbst!" Gerade mal drei Jahre älter ist Anna-Marie Schemig. Die Ebelsbacherin vom Schachclub Knetzgau spielt seit vier Jahren. "Mein Vater hat´s mir gezeigt, aber ich fand es erst langweilig. Ein halbes Jahr später gefiel mir Schach immer mehr", erzählt die Siebtklässlerin, die Theater an der Schule in Bamberg spielt, dazu Klavier und die Leichtathletik betreibt. "Schach kann ich von allem am besten", lacht Anna-Marie und vermisst es nicht, wenn Schulkolleginen über Ostern vielleicht eher mit der Familie im Urlaub sind. Denn: "Schach ist wie Ferien!"

Anna-Marie Schemig ist die einzige (!) weibliche Teilnehmerin der unterfränkischen Meisterschaften. 2003 in Mömbris gewann sogar Irina Zakurdjaeva aus Bad Königshofen das Turnier. 2011 nahmen immerhin noch vier Frauen teil. "Bei der Jugend liegt die Quote in etwa bei zehn Prozent, bei den Damen dann nur noch bei ein, zwei Prozent", weiß Norbert Lukas um das nachlassende Interesse im Alter am Verschieben von Figuren. Anna-Marie wird vom Vater begleitet (und nutzte die Pause am Mittwoch für einen Besuch der Stadtgalerie). Am Donnerstag wird sie wohl eher nicht teilnehmen am angebotenen Kegel-Turnier, weil nachmittags wegen eines Einzel-Blitzwettkampf keine Schachrunde ansteht. Das Rahmenprogramm sieht zudem eine Stadtführung durch Schweinfurt vor. Bis Mittag stand auf der Anmeldeliste lediglich der Name Norbert Lukas. "Das ist typisch für Schachspieler", erzählt der. "Solche Listen kann man sich sparen. Am Ende machen dann wieder 40 Mann mit, aber eintragen tut sich vorher niemand. Schachspieler wollen sich halt nicht festlegen", weiß Lukas, "könnte ja sein, dass einer zuvor eine ganz lange Partie spielen muss..."

Finanziell ist die Meisterschaft für den Schachklub Schweinfurt 2000 kein Risiko. Rund 700 Euro kosten die Miete der Räume und die Unterkunft für den internationalen Schiedsrichter Jürgen Müller. Der unterfränkische Schachverband zahlt einen Zuschuss, das viele Seiten starke Programmheft ist gut gefüllt mit Werbeanzeigen. Und dann gibt es natürlich einen bestens frequentierten Verkaufsstand. "So ein Turnier ist lohnenswert für den Verein. Aber man braucht halt Mütter und Frauen hinter der Theke", weiß Lukas. Um die 80 belegte Brötchen gehen am Tag weg, zwei Päckchen Kaffee werden jeweils verkocht. Im Vorfeld orderte der Verein vom lokalen Brauhaus 40 Kisten Getränke und zusätzlich noch Cola.

Schiedsrichter Müller überwacht das Turnier und muss sich an sich eisern an die Regeln halten, "die für die Profis gemacht wurden und unter denen wir Amateure leiden". Norbert Lukas meint damit die Vorgabe, dass ein eingeschaltetes Handy automatisch zu einem verlorenen Spiel führt. "Laut husten darf man aber, und wenn einem ein Glas runter fällt, dann sorgt auch das für mehr Aufregung im Saal", wundert sich der Turnierleiter, der es am Mittwoch selbst erlebte, wie ausgerechnet bei Wolfgang Walther das Telefon klingelte. Dessen Gegner aber legte größten Wert darauf, die Partie nicht am grünen Tisch, sondern anschließen am Schachbrett zu gewinnen.

Am Samstag ab 15 Uhr hat sich mit Sebastian Remelé der Schirmherr des Turniers persönlich angesagt, obwohl Schweinfurts Oberbürgermeister an sich noch bis nächsten Montag Osterurlaub hat. Doch vielleicht ist es ja seine letzte Chance, falls die nächsten Unterfränkischen erst in 49 Jahren wieder in der Stadt statfinden. Zur Schachrenaissance in Schweinfurt passt übrigens auch der Reim des Schachklub "Franken" Schweinfurt, der im Jahr 2000 mit dem Schachklub 1893 zum Schachklub Schweinfurt 2000 fusionierte. "Wer Logik liebt und Phantasie und Freude hat am Denken, der mag zu einer Schachpartie die Schritte zu uns lenken", heißt es auf einem Bild. das auch die Titelseite des Begleitheftes ziert.


Von: Michael Horling