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Ikenberg-Karte

07.06.2015

von Willi Dürrnagel


Erst vor wenigen Tagen konnte ich eine interessante Postkarte aus Schörfling in Österreich im Internet ersteigern, die gestern eingetroffen ist. Die schön gestaltete Karte zeigt eine Grafik „Zusammenarbeit Bahn/Post“ und die Sonderbriefmarken tragen die Stempel „Lausanne 14. III. 1948 23 Uhr“. Absender der Karte ist der in Würzburg wohl bekannte und sehr geschätzte Werner Ikenberg, der sich damals in der Rue Pagot 10 in Lausanne, Schweiz, zum Studium aufhielt. Gerichtet ist die Karte an die Familie Dr. Hans Ikenberg, Julius-Echterstr. 12, Würzburg-Heidingsfeld in Bayern, Amerikanische Zone. Im Text der Karte fragt er auch nach, ob „Neuberger wegen Lebermann verurteilt worden war?“.

 

Werner Ikenberg ist am 17. Januar 1927 geboren. Werner Ikenberg wurde als „Mischling 1. Grades“ – so der Bürokratenjargon der Nazis – 1943 vom Alten Gymnasium gewiesen. Nach der Tätigkeit als Hilfsarbeiter in der Karosseriefabrik Voll wurde er 1944 ins Zwangsarbeitslager der Organisation Todt in Rositz (Thüringen) eingewiesen. Auf dem Marsch zum KZ Flossenbürg erfolgte die Befreiung durch US-Truppen. Ende April 1945 kehrte er mit dem Fahrrad nach Heidingsfeld heim. Die Eltern lebten, aber das Haus war völlig ausgebrannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Werner Ikenberg von 1946 bis 1949 an den Universitäten Würzburg und Lausanne Neuere Sprachen. Einer alteingesessenen und angesehenen Heidingsfelder Arztfamilie entstammend, blieb er seiner mainfränkischen Heimat zeitlebens verbunden, trotz der schweren Verfolgungen denen er und seine Eltern während des Dritten Reiches ausgesetzt waren.

Ab 1951 unterrichtete er an der Würzburger Oberrealschule, dem heutigen Röntgen-Gymnasium; 1957 wurde er als Mitarbeiter in das Referat für moderne Fremdsprachen des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus berufen. 1962 kehrte er auf eigenen Wunsch an die Oberrealschule zurück und wurde Seminarlehrer für Französisch. Von 1966 bis 1968 wirkte er als Oberstudienrat im Hochschuldienst an der Universität Würzburg.

Im Jahre 1968 führte Ikenberg sein beruflicher Weg ein zweites Mal nach München, diesmal, um als Referent im Kultusministerium für die Einrichtung der Fachoberschulen in Bayern Pionierarbeit zu leisten. Mit Beginn des Schuljahres 1970/71 übernahm er die Leitung des Röntgen-Gymnasiums, des seinerzeit größten bayerischen Gymnasiums, nach dessen Teilung wurde er ab Schuljahr 1973/74 der erste Direktor des neu errichteten Friedrich-Koenig-Gymnasiums. Im Mai 1974 wurde Werner Ikenberg zum Direktor des Wirsberg-Gymnasiums und zum Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Unterfranken bestellt. Als zweiter Vorsitzender der Bayerischen Direktorenvereinigung und als Mitglied der Bundesdirektorenkonferenz setzte er sich für die Erhaltung der Stellung des Gymnasiums im gegliederten Schulsystem auch über Bayerns Grenzen hinweg mit Nachdruck ein. Am 27. Juni 1996 starb er mit 69 Jahren, seine Ehefrau Gisela lebte bis zu ihrem Tod 2005 in Heidingsfeld. Die Ärztin Dr. Barbara Ikenberg, die am 13. Mai 2000 starb, liegt mit im Grab auf dem Heidingsfelder Friedhof.

Der Großvater von Werner Ikenberg,Sanitätsrat Dr. Bendix (Benedikt) Ikenberg, ist am 5. Februar 1860 in Nieheim, Ostwestfalen, geboren und am 25. Oktober 1933 in Heidingsfeld verstorben. Sein Grab befindet sich im Israelitischen Friedhof in der Werner-von-Siemens-Straße.

1887 ließ er sich als praktischer Arzt in Heidingsfeld nieder und leistete auch einen langjährigen ehrenamtlichen Einsatz in der Sanitätskolonne Heidingsfeld. 1911 bekam er das Bürgerrrecht und wurde zum Sanitätsrat ernannt. Sein Haus und seinen Besitz hatte der Doktor der Medizin „Am Nikolausspital 23“. 1926 übergab er seine Praxis an seinen Sohn Hans Ikenberg. Der Dr. der Medizin Hans Ikenberg wurde am 20. Oktober 1900 als Sohn der jüdischen Familie Bendix und Paula Ikenberg geboren und am 30. September 1975 gestorben.

Hans Ikenberg besuchte die Volksschule in Heidingsfeld und das Würzburger Realgymnasium bis zum Abitur. Im Juni 1918 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Hans Ikenberg konvertierte 1918/19 zur evangelischen Konfession. Von April bis Juli 1919 war er Angehöriger des Freikorps Würzburg und nahm an der „Befreiung“ Münchens und den Straßenkämpfen in Würzburg teil. Ikenberg studierte Medizin in Frankfurt am Main und Würzburg. Sein Examen machte er in den Jahren 1924/25. Von 1924 bis 1933 war er Arzt der Sanitätskolonne Heidingsfeld.

Im Juli 1933 wurde ihm die Kassenlizenz entzogen, dieser Entzug wurde jedoch wegen der Freikorpszugehörigkeit wieder zurückgenommen. Im Februar 1935 wurde er durch die Gestapo verhört, nachdem Patienten aus Heidingsfeld für ihn geworben hatten. Im Novemberpogrom 1938 wurde Ikenberg verhaftet aber auf Antrag der Ärztekammer, Begründung Mangel an jüdischen Ärzten, am 7. Dezember 1938 wieder entlassen. Er durfte dann nur noch mit Sally Mayer als „Krankenbehandler“ für die in Würzburg verbliebenen Juden wirken. U. a. war er für die ärztliche Betreuung bei den Deportationen aus der Stadt und bei durchgehenden Transporten tätig. Er lebte wegen des zweifelhaften Schutzes der „privilegierten Mischehe“ bis Kriegsende unter ständiger Gefährdung. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Hans Ikenberg verhaftet und war fünf Wochen im Konzentrationslager Buchenwald interniert. 1939 scheiterte sein Emigrationsversuch in die USA und er blieb in Würzburg. Verheiratet war er mit Wally (Walburga) Ikenberg, geborene Krämer, die am 1. Februar 1900 geboren und am 29. März 1982 in Würzburg gestorben ist. Sie hatten den(nichtjüdischen) Sohn namens Werner.

 

Ernst oder Elias Lebermann ist am 15. Mai 1875 in Würzburg geboren. Er besuchte in Würzburg die Volksschule und sechs Klassen Realschule. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Lehre. 1896/97 leistete er seinen Militärdienst und war dort Unteroffizier. Ende 1902 gründete er die Weingroßhandlung Ernst Lebermann. Der Weinhändler, der u. a. Sanderring 23 wohnte, war im 1. Weltkrieg Militärbeamter in Würzburg und Feldwebel. Dafür wurde er mit dem König-Ludwig-Kreuz ausgezeichnet. Von 1919 bis zur Auflösung war er Angehöriger der Einwohnerwehr. Ernst Lebermann war Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. 1931 gab er das Geschäft aus gesundheitlichen Gründen auf. Er war Mitglied im jüdischen Kulturbund.

Eine direkte Folge der Ereignisse in der „Reichskristallnacht“ war der Tod von Ernst Lebermann. Die vom Ortsgruppenleiter Martin Neff dirigierte Ortsgruppe Würzburg-Süd kam auf ihrem nächtlichen Umzug auch an der Scheffelstraße 5 vorbei, wo Lebermann seine Wohnung hatte. Hier schlug man so lange gegen die Wohnungstür bis die Haushälterin öffnete und einige Teilnehmer in Lebermanns Schlafzimmer stürmten. Man trieb den 63jährigen unter Schlägen aus dem Bett und warf ihn im Nachthemd vor die Haustüre. Als die Haushälterin, eine „Arierin“, sich um Lebermann kümmern wollte, wurde als „Judenschickse“ beschimpft und ein Stück die Treppe hinuntergeworfen. Unter erneuten Misshandlungen schleppte die Menge den Weinhändler, der sich inzwischen notdürftig hatte bekleiden dürfen, erst zur Geschäftsstelle der Ortsgruppe Würzburg-Süd in der Randersackerer Straße und anschließend zur Polizeiwache in der Schillerschule. Von dort wurde Lebermann ins Landgerichtsgefängnis in der Ottostraße eingeliefert, wo sich bereits mehrere inhaftierte Juden befanden. Als er in der Zelle einen Schlaganfall erlitt, transportierte man ihn rasch ins Israelitische Krankenhaus, wo Lebermann am 11. November 1938 gegen 16.30 Uhr starb.


Von: SIGGI