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DIE ERFOLGREICHSTE JUGENDAUTORIN IHRER ZEIT - AGNES SAPPER

Willi Dürrnagel berichtet

Würzburg: Vor wenigen Tagen konnte ich auf Einladung von Frau Dr. Anni Hentschel im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus einen Vortrag über Agnes Sapper halten. Für die, die nicht Dabeisein konnten, hier einiges über sie.

 

In der Friedenstraße Nr. 25 bzw. jetzt in der <link https: maps.google.com>Huttenstraß<link https: maps.google.com>e 29a in Würzburg ist eine bemerkenswerte soziale Einrichtung zu Hause. Das Anwesen <link https: maps.google.com>Friedenstraß<link https: maps.google.com>e 25 wurde am 18. Februar 1928 von der Evangelisch LutherischenKirchengemeinde von Professor Dr. Burkhard erworben. Vor dem Verkauf wurde es als Säuglingsheim - Maria-Theresia-Säuglingsheim verwendet. Am 2. Mai 1929 war die feierliche Einweihung des Altenheimes. Es konnte hauptsächlich nur durch Spenden aufrechterhalten werden, wozu DekanLindner die Gemeindemitglieder aufrief. In der Küche war lediglich ein Herd vorhanden, ansonsten fehlte jegliches Küchengerät. Die Speisekammer war völlig leer, Tischwäsche wurde dringend gebraucht. Im Würzburger Evangelischen Gemeindeblatt Nr. 4 1929 berichtete Dekan Lindner, daß Frau Agnes Sapper kurz vor ihrer letzten Krankheit das ihr vom Verlag ihres Buches "Die Familie Pfäffling" übersandte Honorar mit einem lieben Gruß an die "Sorgenkinder" im Heim zur Verfügung gestellt hat. Kurz vor ihrem Tod sagte sie unter Aufbietung ihrer letzten Kraft im Hinblick auf das Heim: "Sorgenkinderja, Freudenkinder!"

 

Bis zur Zerstörung des Hauses durch Bomben am 16. März 1945 liegt die Leitung des Hauses bei den Neuendettelsauer Schwestern. Im Jahre 1950 wurde es wieder als Altenheim eröffnet und in den ersten Dezembertagen des gleichen Jahres, so berichtete Diakon Ernst Heiß, fanden 46 ältere Menschen Aufnahme. Es wurde 1985 vom Diakonischen Werk Würzburg in eine Einrichtung für psychisch kranke Frauen und Männer umgebaut. Dieses Altenheim war das erste in einer langen Reihe von Gebäuden, die in der Amtszeit von Dekan Wilhelm Schwinn errichtet wurden.

 

Wie der Geschäftsführer Diakon Karl Büttner weiß, konnte dies durch die Unterstützung von Regierung und Bezirk Unterfranken, der Stadt Würzburg und der Aktion Sorgenkind, der Evangelischen Kirche in Bayern sowie der Evangelisch- Lutherischen Gesamtkirchengemeinde, als Hauseigentümer geschehen und am 4. Juli 1985 feierlich eröffnet werden. Dieses Haus wurde von Beginn an mit dem Namen "Agnes-Sapper-Heim" bedacht. Wer war diese Frau, der mit der Namensgebung ein bleibendes Denkmal gesetzt wurde und die in der zweiten Abteilung des Würzburger Hauptfriedhofes bestattet wurde?

 

Agnes Sapper wurde als Tochter des bedeutenden Juristen und Politikers Dr. Karl Brater am 12. April 1852 in München geboren. Ihr Vater war auch Gründer der Süddeutschen Zeitung. Seit 1856 gab er mit Bluntschli das "Deutsche Staatswörterbuch" heraus. Er war Mitbegründer des Nationalvereins und 1863 der Fortschrittspartei in Bayern, ein unermüdlicher Kämpfer für die deutsch-freiheitliche Idee. Geboren 1819, hatte Karl Brater seine politische Tätigkeit als Redakteur begonnen, später wurde er Bürgermeister der einst freien Reichsstadt Nördlingen. 1859 wählte ihn Nürnberg in die Abgeordnetenkammer, wo er als einer der hervorragendsten Führer der liberalen Partei wirkte. Bereits im Alter von 50 Jahren rief ihn am 20. Oktober 1869 der Tod ab. Seine Frau Pauline war für Brater stets die treueste Beraterin.

 

Die Witwe mußte nach dem Tod ihres Mannes von einer sehr kleinen Unterstützung leben, mußte Zimmer vermieten, bis sie zu ihrer älteren Tochter ziehen konnte, die mit dem Bibliothekar Dieter Kerler verheiratet war. Als dieser 1878 zum Direktor der Universitätsbibliothek in Würzburg ernannt wurde, zog sie aus dem heimatlichen Erlangen nach Würzburg. Ihr erster Eindruck von Würzburg: "Die Weinberge sind etwas Schreckliches, hier ist´s schattenlos und staubig, man kommt heim, als wenn man im Mehl herumgestiegen wäre. Wenn die Höhen ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der Wald ist weit weg und die Trockenheit groß".

 

Die Mutter von Agnes Sapper, Pauline Brater, geboren am 27. August 1827, die am 12. April 1907 verstarb, liegt mit ihrer Tochter Agnes in einem gemeinsamen Grab auf dem Würzburger Hauptfriedhof. Sie entstammte einer Professorenfamile aus Erlangen und kam als achtes Kind des sehr geachteten, in Dorpat, Nürnberg, Würzburg und Erlangen wirkenden, mit Friedrich Rückert sehr befreundeten Mathematikers J.Wilhelm.A. Pfaff auf die Welt, der wiederum Großvater des ehemaligen bayerischen Finanzministers war.Die Familie mußte eng zusammenrücken, damit der Platz in der beschränkten Wohnung reichte. Um trotz der lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu können , hatte der Professor eine originelle Einrichtung erfunden. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er in dem großen gemeinsamen Zimmer einen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke durfte keines der Kinder betreten.

 

Was die Frau, die ihre letzten Jahre in Würzburg verbracht hat, mitgemacht hat und was sie ihrem seit 1861 lungenleidenden Gatten und ihren Kindern gewesen, das hat Agnes Sapper in einem 1908 erschienenen Lebensbild "Pauline Brater" geschildert. In diesem Buch verrät Agnes Sapper auch, wie ihre Mutter eigentlich heißen sollte. Der verdienstvolle Würzburger Kulturpreisträger Werner Dettelbacher hat dies in einem Hörbild im Bayerischen Rundfunk 1979 wie folgt dargestellt: "Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit - an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins Deutsche. Da Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war, - hatte sich doch einer der Professoren von dem andern das Sanskritlexikon abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen - so behalfen sich auch die beiden Gelehrten mit einem Exemplar dieser Dichtung und täglich wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Weil nun Pfaff´s Töchterchen auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti, den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug; doch wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut bürgerliche Name Pauline beigelegt."

 

Agnes Sapper heiratete am 3. Oktober 1875 in eine Ulmer Familie ein. Der Auserwählte, Eduard Sapper, geboren am 26. Februar 1837 in Ulm, war Gerichtsnotar, dann Stadtschultheiß in Blaubeuren. Nachdem ihr zweiter Sohn Hermann an einem unbekannten Leiden erkrankte, reiste sie nach Würzburg zu ihrer Schwester um den Rat des besten Kinderarztes einzuholen. Mit aller ärztlichen Kunst wird um das arme kleine Leben gerungen, doch der kleine Hermann stirbt. Als ihr dritter Sohn Rudolf an Diphtherie stirbt, war ihr Blaubeuren verleidet. Sie schreibt an ihre Schwester: "Meine Gedanken verweilen so viel bei dem kleinen Grab auf dem Würzburger Kirchhof, daß ich oft eine wahre Sehnsucht danach habe; wie ich denn überhaupt meinen kleinen Liebling immer schmerzlich vermisse." Selbst die Geburt ihrer Töchter Anna und Agnes haben ihr über den Tod ihrer Söhne nie hinweghelfen können. Seitdem war sie fast jede Woche von heftiger Migräne heimgesucht.

 

Ihr Mann übernahm anschließend ein Notariat in Neckartailfingen, war dann Amtsnotar in Eßlingen und rückte auf zum Gerichtsnotar in Calw. Er forderte sie eines Tages auf, an einem Wettbewerb in einer Zeitschrift teilzunehmen und eine Geschichte zu schreiben. Pauline Brater weilte im Herbst 1888 in Calw zu Besuch und nahm eine Enkelin für den Winter mit nach Würzburg. Damit die Verbindung nicht abreißt, schreibt Agnes Sapper dem Töchterchen kleine Geschichten, die der Verlag Gundert in Stuttgart nach langem Zögern als "Lieschens Streiche" herausbringt und mit 100 Mark honoriert. Dieser Erfolg spornt sie an. Bald wird das erste Büchlein aufgelegt, es heißt "Für kleine Mädchen" und darauf folgt "Die Mutter unter ihren Kindern". Sie schreibt weiter an "Gretchen Reinwald". 1984 erscheint "Das erste Schuljahr".

 

Eduard Sapper erleidet im Herbst 1896 einen Schlaganfall und muß seinen Beruf aufgeben. Agnes Sapper pflegt ihn aufopfernd, doch er stirbt 1898 in geistiger Verwirrung. Die Witwe zieht im Frühjahr 1899 mit ihren beiden Töchtern zur Mutter und Schwester nach Würzburg, wo sie bis zu ihrem Tode 1929 lebt und hier auch ihre Bücher schreibt. Ihre Pension ist sehr gering, hat sie doch noch für zwei Töchter zu sorgen und es wird ihr dann geraten, sie solle ihr Talent verwerten und so schreibt sie weiter. Sie gibt Nachhilfestunden, setzt sich auch sehr für die Kindergottesdienste ein und ist als Waisenpflegerin tätig. Tochter Anna, die am 16. Juli 1882 in Neckartailfingen geboren wurde, wird 1905 für zwei Jahre nach Paris geschickt, will aber nicht als Sprachlehrerin im Ausland bleiben und kehrt zurück. Sie gibt in der Wohnung der Mutter Französischunterricht. Sie hat später von 1952 bis zu ihrem Tod am 25. April 1969 im Agnes-Sapper-Heim gelebt und wurde im Grab ihrer Mutter bestattet.

 

Im August 1906 vollendet Agnes Sapper "Familie Pfäffling", 1907 hat sie die ersten Exemplare in der Hand. Die Freude wird getrübt durch den Tod der Mutter am 12. April 1907, dem Geburtstag von Agnes Sapper, und des Schwagers Dietrich Kerler.- Der Titel "Pfäffling" war eine Reverenz vor ihrer Mutter Pauline Brater, geborene Pfaff. Die Kinder sind nun herangewachsen, die Sorgen sind weniger geworden und sie befindet sich auf der Höhe ihres schriftstellerischen Schaffens.Die Bücher "Werden und Wachsen", "Das kleine Dummerle","Lieschens Streiche" und "Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr" entstehen. Die Kinder aus Agnes Sappers Büchern sind keine Musterkinder. Ihr Schicksal ist nicht leicht. Doch wie sie ihre Stärke aus der Überwindung von Schwierigkeiten gewinnen, das wird nicht mit pädagogisch erhobenem Zeigefinger geschildert, sondern mit ungezwungenem Humor, großer Wärme und Lebendigkeit. Als Volksschriftstellerin lernen wir Agnes Sapper in ihrem Büchlein "Thüringer Wald" kennen und die Erzählung "Ohne den Vater" zählt zum Besten, was Agnes Sapper geschrieben hat.

 

20 Jahre später: Krieg und Revolution sind über Deutschland hinweggegangen, der Kreis der Angehörigen hat sich gelichtet. Ihre schriftstellerische Tätigkeit findet mit ihrem letzten Werk "Das Enkelhaus" ihren Abschluß. Im Jahre 1922 feiert sie in geistiger Frische ihren 70. Geburtstag. Eine kleine Festschrift ist zu diesem Ehrentag erschienen. Ihr Verleger D. Gundert schreibt im Vorwort: "Agnes Sapper nimmt wohl deshalb eine so beachtenswerte Stellung in der deutschen Literatur ein, weil ihre Bücher ungekünstelt aus dem Leben herausgewachsen sind und mit dem geschriebenen Wort die ganze Persönlichkeit übereinstimmt." Ihre Freunde richten ihr eine kleine Feier im Luisengarten aus.

 

Sie wohnte am Zwinger und schrieb dort ihre Bücher, die in einer Gesamtauflage von über zwei Millionen erschienen sind und in sechs Sprachen übersetzt wurden. Sie gehören zum kostbarsten Bestand der deutschen Jugendliteratur. Schon im Jahre 1902 wurden die "Zehn Erzählungen" als Schulausgabe ins Russische übersetzt und später wanderten die Bücher in aller Herren Länder. Verschieden lauten die Titel, "Das Haus der Liebe" heißt die Familie Pfäffling in Japan; "Werden und Wachsen" verwandelt sich in Holland in "Grünen und Blühen". Auch das kleine Lieschen wandert nach Japan und es mutet eigentümlich an, diese deutschen Erzählungen in japanischen Lettern zu sehen und die kleinen Helden mit untergeschlagenen Beinen und japanischem Gesichtsschnitt abgebildet zu finden. In Amerika ist der "Thüringer Wald" in den Schulen eingeführt und auch in Schweden, Norwegen und Dänemark werden Werke von Agnes Sapper übersetzt. Am 19. März 1929 schließt sie in ihrer Wohnung in der Sophienstraße 17 mit den Worten " Haltet nur Ihr rechtgut zusammen..." an ihre Familie die Augen für immer.

 

Fotos: Willi Dürrnagel