Kitzingen. Ich bin Jahrgang 1944 und im Texasweg in der Kitzinger Siedlung aufgewachsen.
In unserer Straße waren einige Mädchen mit Amerikanern befreundet. Es war schon eine Sensation damals. Ein Jeep rollte die Straße herunter. Neugierig schauten wir – ich war damals 6 Jahre alt – meine Spielkameraden und ich dem Auto zu. Es hielt am Nachbarhaus und ein dicker, dunkler Amerikaner mit wulstigen Lippen und einer großen braunen Papiertüte im Arm sprang heraus und ging ins Haus.
Nach einiger Zeit kam er wieder zurück, an seinem Armen die blonde Nachbarstochter, die man kaum noch erkannte. Knallrote Lippen, rote Fingernägel, Nylonstrümpfe mit Naht und sie schiegte sich an dem – für mich damals hässlichen – Amerikaner. Die beiden stiegen dann in den Jeep und fuhren davon. Für uns Kinder ein Erlebnis, für die Erwachsenen ein Grund, endlich ihre Moral herauskehren zu können. Es wurde getuschelt, geschimpft, gelästert und die Mädchen schlecht gemacht. Damals wusste ich damit nichts anzufangen – aber heute – .
Denn plötzlich heirateten die ersten deutschen Mädchen Amerikaner und die eine oder andere gingen mit ihrem Ehemann in die USA.
Auch die Freundin meiner Mutter war mit einem Amerikaner verheiratet und wohnte in den USA. Immer wieder, hauptsächlich zu Weihnachten, kamen Päckchen aus „Übersee“. Die herrlichsten Dinge kamen zum Vorschein. Schokolade in braunem Papier, Butterfinger (meine liebste Schokolade), scharfe Kaugummis, zuckersüße Bonbons und immer etwas zum Anziehen.
Die US-Soldaten waren für uns allgegenwärtig. Auf den Straßen mit ihren Straßenkreuzern, in den Geschäften den Lokalen und im Schwimmbad. Ja und dort gab es die sogenannte Amiwiese, genau hinter dem Sprungturm. Dort trafen sich hauptsächlich die Amerikaner mit den deutschen Mädchen. Es war ungeheuer aufregend an der Wiese vorbeizulaufen, trotz Verbot von zuhause oder direkt über die Wiese zu laufen. Sprach uns ein Amerikaner an wurden wir knallrot und liefen kichernd davon. Ja unsere deutschen Freunde hielten uns eifersüchtig von den „Zupfern“ fern. Aber einen Vorteil hatten die Mädchen, die mit den Amis befreundet waren: In der Schule waren sie in Englisch besser als wir.
Ja, und dann nach einem Tanzkurs durften wir auch zum Tanzen. Meine Freundinnen, Freunde und Schwestern gingen abends mit Stöckelschuhen über die Neue Mainbrücke ins Deutsche Haus oder in die Hill-Billy. Es war einfach gigantisch! Diese Stimmung die da herrschte.
Irgendwie knisterte es immer zwischen unseren deutschen Freunden und den Amerikanern. Denn die wollten uns Mädchen schon zum Tanzen holen. Die eine oder andere traute sich mit einem Ami aufs Parkett, aber schon war Krach. Die deutschen Jungs waren einfach eifersüchtig auf die „Zupfer“. Für uns war es aufregend einmal mit einem von ihnen zu tanzen. Ich erinnere mich an meiner ersten Tänze mit einem US-Boy und zwar mit einem Lied von Bill Haley „Rock, rock, rock, everybody, roll, roll, roll, everybody“. Mir bleib es deshalb in Erinnerung, weil es danach Streit mit meinem damaligen Freund gab. Wir versöhnten dann wieder unter der Voraussetzung, dass ich nie wieder mit einem dieser „Zupfer“ tanzen würde.

