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Schilfkläranlage wird als Klima- und Artenschützer gefeiert.

Zum 25-jährigen Jubiläum lud Verein „Wurzelraumkläranlage Neustädtles“ ein

Neustädtles

Wenn es in den letzten Jahren ruhig geworden ist um Schilfkläranlagen, dann deshalb, weil sie keine Probleme machen. Nun läuft die Wurzelraum-Kläranlage schon seit 25 Jahren in Neustädtles ohne Reparaturen und mit nur geringem Wartungsaufwand. Das musste gefeiert werden. Bis auf den letzten Platz gefüllt war der Veranstaltungsraum für das Event „25 Jahre Wurzelraum-Kläranlage Neustädtles – Klimaschutz im Zuge der Abwasserreinigung“. Kein Wunder, da wir derzeit viel Bedrohliches zu Wasserknappheit, Klimakrise und Artensterben lesen und selbst erleben. Da tut es gut, mal was Positives zu hören nämlich, dass diese Kläranlage neben der Abwasserreinigung auch in diesen drei Problemfeldern gegensteuert.

In seiner Willkommensrede bedankte sich Hans-Peter Malawka, Vorsitzender des „Vereins Wurzelraumkläranlage“, nicht nur für die Vorbereitung der Veranstaltung mit Mitbürger:innen, Gemeinde und Bürgermeister. Er erinnerte auch an die gemeinsame Kraftanstrengung der ganzen Dorfgemeinschaft beim Bau der Anlage 1997 in Eigenleistung, als jede:r Bürger:in berufliche und praktische Fertigkeiten einbringen konnte. Diesem Dank für außerordentliches bürgerliches Engagement schlossen sich auch der amtierende Nordheimer Bürgermeister Thomas Fischer und der frühere Bürgermeister Hermann Hippeli an, der das Projekt damals im Dorf realisierte.


Eingangs trug Lisa Knur vom Biosphärenreservat Bayerische Rhön in eindrucksvollen Bildern vor, dass der Klimawandel in der Rhön deutlich angekommen ist. Sie zeigte welche Dienstleistungen die Ökosysteme Wald, Moor und Wiesen täglich erbringen, und so das menschliche Leben ermöglichen. Sie liefern saubere Luft und Wasser, fruchtbaren Boden, leckere und nützliche Waldprodukte und zersetzen obendrein die Abfälle von Natur und Menschen. Um diese lebensnotwenigen Leistungen zu sichern muss jede:r Einzelne von uns bei allen Aktivitäten achtsam mit unseren Ressourcen umgehen und Artenschutz mitdenken.

Dr.-Ing. Margarita Winter, die Planerin dieser Schilf-Kläranlage, erläuterte wie diese dreifach den Erhalt des Klimas unterstützt. Als Null-Energie-Kläranlage werden Geldbeutel und Klima geschont. Zusätzlich kann die Pflanzen-Boden-Kläranlage das von Verbrennermotoren freigesetzte Klimagas CO2 wieder einfangen und dauerhaft umweltneutral als Humus im nassen Bodensubstrat speichern. Diese Entziehung des CO2 vor der Klimakrise geschieht hier ohne Risiko von Sturmschäden, Feuer oder Schädlingsbefall und ohne Flächenwettstreit, weil diese Abwasserreinigungsfläche gleichzeitig für Klimaschutz genutzt wird und obendrein auch noch selten gewordenen Tierarten wie Vögeln ein Biotop bietet.

Nach einem dürren Sommer ist jedem klar, dass die Region nicht weniger durstet, wenn Abwasser kilometerweit zu großen Kläranlagen über den Berg gepumpt wird, um dann in einen großen Fluss über Main und Rhein schnellstens in die Nordsee eingeleitet zu werden. Hingegen danken es Fische, Bäume Landwirte und Gärtner, wenn das Abwasser sehr gut gereinigt dezentral im Dorfbach eingeleitet wird, Grünflächen befeuchtet und Grundwasser anreichert.

Phosphor wird bald knapp, da die Phosphatlager der Erde in 50 bis 200 Jahren erschöpft sein werden (Bundesumweltamt). Jedoch ist Phosphor für Menschen, Tiere und Pflanzen lebensnotwendig und durch nichts zu ersetzten. Daher werden Lösungen gesucht, Phosphor nicht mehr mit dem Schlamm in der Müllverbrennung zu entsorgen, wo er unwiederbringlich mit Abfall verdünnt wird, sondern der Phosphor-Knappheit vorzubeugen. In der Pflanzen-Boden-Kläranlage entsteht hier durch Phosphat-Entzug aus dem Abwasser über Jahrzehnte ein gut erreichbares Depot. Die Speicherung von Phosphat und CO2 funktioniert aber nur in Pflanzen-Boden-Kläranlagen, nicht mit Pflanzen-Sand-Kläranlagen, so Margarita Winter.

Dr.-Ing. Theodora Seretaki zeigte, wie diese Pflanzen-Boden-Kläranlagen in Griechenland und Frankreich mit der gleichzeitigen Vererdung des Klärschlammes als noch weitergehendes Phosphat-Depot eingesetzt werden. Besonders aus der Behandlung konzentrierter Abwässer aus der Produktion von Zucker, Olivenöl, Milch und Biogas ergeben sich größere Phosphat-Speicherkapazitäten sowie sauberes Wasser für den Bach.

Während das Wasserwirtschaftsamt die Fortführung der wasserrechtlichen Erlaubnis prüft, verdeutlichte der Verein den Neustädtlesern sowie interessierten Besucher:innen eindrucksvoll, wie wichtig der Einsatz der Kläranlage ist. H.-P. Malawka und Dr. M. Winter betonten, dass die Anlage nicht nur kostengünstig und instandhaltungsarm ist, sondern durch ihre positive CO2-Bilanz und die Förderung der Biodiversität einen wichtigen Beitrag in verheerenden Zeiten des fortschreitenden Klimawandels leistet. Nicht zuletzt war diese Feier auch ein gelungener Aufruf an die jüngere Generation und Politiker:innen, sich für den Verein Wurzelraumkläranlage mit dem Schutz von Klima und Artenvielfalt zu engagieren.

Bei einer anschließenden Besichtigung des ortsansässigen Bio-Landwirtschaftsbetriebes "Sonnenhof Nöthling" konnten die Besucher:innen die Betriebsabläufe des Hofes und Besonderheiten der Bio-Landwirtschaft kennenlernen. Deutlich wurde, dass Neustädtles durch Bio-Landwirtschaft und seine umweltfreundliche Wurzelraumkläranlage im Rahmen seiner Möglichkeiten einen eindrucksvollen Beitrag leistet, auf den die Neustädtleser stolz sein können.
Zum Schluss verabredete man sich zum Wiedersehen im Jahre 2100, um den dann knapp gewordenen Phosphor hier zu ernten. Tatsächlich ein guter Grund zum Feiern.

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Weitere Bildunterschriften:

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Hans-Peter Malawka, Vorsitzender des „Vereins Wurzelraumkläranlage“ erklärt vor Ort die Funktionsweise der Schilfkläranlage. Links neben ihm der damalige Bürgermeister Hippeli, durch den das Projekt nach Neustädtles kam. Foto Julia Ress

 

Ein Bild, das drinnen, Boden, Decke, Szene enthält. Automatisch generierte Beschreibung

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Dr. Margarita Winter beim Vortrag „Aktiv gegen den Klimawandel“ im Dorfgemeinschaftshaus Neustädtles. Foto Julia Ress

Von rechts: Herrmann Hippeli, ehemaliger Bürgermeister, der 1996 die Schilfkläranlage nach Neustädtles brachte. Lisa Knur vom Biosphärenreservat Rhön. Thomas Fischer, Bürgermeister von Nordheim. Dr. Theodora Seretaki baut Schilfkläranlagen in Griechenland. Hans-Peter Malawka, Vorsitzender des „Vereins Wurzelraumkläranlage“. Dr. Margarita Winter, verantwortliche Ingenieurin der Schilfkläranlage Neustädtles. Julia Ress, Öffentlichkeitsarbeit für das Jubiläum. Foto Tanja Ress