Kitzingen. In diesem Jahr braucht es mehr als die bloße Kranzniederlegung am Neuen Friedhof, meinte Oberbürgermeister Stefan Güntner zu Beginn der Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages des Luftangriffs in Kitzingen. Die Besucher in der voll besetzten Alten Synagoge sollten am Samstagabend, 22. Februar, tatsächlich viel mehr wertvolle Eindrücke mit nach Hause nehmen: Beeindruckende Erinnerungen und Appelle von Zeitzeugen, ein bewegendes Schauspiel der Theatergruppe des Armin-Knab-Gymnasiums und eine stilvolle musikalische Umrahmung durch Dekanatskantor Martin Blaufelder und Verena Hillenbrand.
OB Güntner brachte die Daten rund um den 23. Februar 1945 in Erinnerung: 174 Flugzeuge brachten in fünf Wellen und innerhalb von rund 80 Minuten Tod und Zerstörung nach Kitzingen. Etwa 700 Menschen starben, das entsprach fünf Prozent der damaligen Stadtbevölkerung. Dass der Krieg immer Menschgemacht sei, habe schon sein Vor-Vorgänger, Alt-OB Bernd Moser, immer wieder und völlig zurecht konstatiert. Dass der Mensch offensichtlich nicht sonderlich lernfähig ist, zeigten die Kriege in Nahost und in der Ukraine. „Gerade deshalb sind die Berichte von Zeitzeugen und ihre Überlieferungen so wichtig“, betonte Güntner.
Mit Herfried Apel, Karl Heinz Lindörfer und Josef Denninger bat er drei Zeitzeugen auf die Bühne, die in beeindruckenden und bewegenden Worten ihre Erinnerungen an den Bombenangriff schilderten.
Herfried Apel war damals 15 Jahre jung, verlor an diesem Tag seine Mutter und seine kleine Schwester. Wenige Wochen später starb sein Vater. Im Luftschutzkeller war die Verzweiflung und die Angst nach ein paar Stunden so groß, dass er sich einen Volltreffer wünschte. „Damit ich bewusstlos werde und all das nicht mehr erleben müsste.“ Karl Heinz Lindörfer überlebte mit 17 anderen Menschen in einem Keller in der Oberen Bachgasse. „Wir haben am laufenden Band gebetet“, erinnerte er sich. „Ohne ein paar feuchte Tücher, die wir uns auf den Mund pressten, wären wir alle erstickt.“
Josef Denninger hatte sich während des Luftangriffs im Pferdestall unter einem Futtertrog versteckt und so überlebt. An die Totenstille nach dem Angriff kann er sich noch gut erinnern – und an die Hilfsbereitschaft. „Natürlich hat jeder ohne Dach über dem Kopf bei uns wohnen können“, berichtete er. „Jeder hat jedem geholfen.“ An die Hilfsbereitschaft der jetzigen Generation appellierte denn auch Herfried Apel. „Aus unserem Wohlstand heraus sollten wir offen gegenüber all denjenigen sein, denen es nicht so gut geht.“
Als bedrückend bezeichnete Karl Heinz Lindörfer die zunehmende Tendenz zum Neid in der Gesellschaft. „Wie können wir an uns denken, wenn so viele Menschen auf der Welt ums Überleben kämpfen?“, fragte er.
Mit Günther Kraus meldete sich aus dem Auditorium ein weiterer Zeitzeuge, den OB Güntner kurzerhand auf die Bühne bat, um seine Erinnerungen ebenfalls kundzutun. Siebeneinhalb Jahre alt war er damals, versteckte sich mit seiner Oma in einem Luftschutzkeller unterhalb der heutigen Sparkasse. „Die Menschen haben gejammert und geschrien“, berichtete er. „Säuglinge starben, weil ihnen die Lungen platzten.“ Seine Mutter blieb damals daheim und überlebte den Angriff nicht – genauso wenig wie etliche Verwandte. „Unser Grabstein auf dem Neuen Friedhof ist der mit den meisten Toten“, erzählte Kraus und betonte: „Es gibt nichts Schlimmeres und nichts Blöderes als Krieg.“
Die Theatergruppe des AGK unter Leitung von Michaela Lindner-Berndt hatte in einem Schauspiel die Frage aufgeworfen, wer die Verantwortung für den Krieg trage und in kurzen Monologen und einem Lied eindrücklich aufgezeigt, dass Kriege immer von Menschen vorbereitet und geführt werden und die Anwesenden daran erinnert, „dass wir alle Menschen sind.“ Einen Schlussstrich unter das Gedenken zu setzen, sei undenkbar, betonte Dekanin Kerstin Baderschneider in ihrem Beitrag. Der Tod und das Leid ließen sich nicht relativieren. Dem Luftangriff vom 23. Februar 1945 seien die Menschenverachtung und die Ausgrenzung von Menschengruppen vorangegangen. Auch jetzt, 80 Jahre später, würden paranoide Formen der Angst geschürt, werde die Gleichheit der Menschen geleugnet, gebe es rhetorische Kurzschlüsse gegenüber schutzbedürftigen Menschen. „Das hatten wir alles schon“, mahnte Baderschneider und bezeichnete die Erinnerungskultur als „zentral wichtig“ für die Aufrechterhaltung von Solidarität und Menschenliebe – und letztendlich unserer Demokratie.Diakon Jörg Kornacker wünschte sich und den Anwesenden in seinem Gebet, dass die Demokratie und der Frieden in Europa lange erhalten bleibe.
Mit einem Dank des Zeitzeugen Herfried Apel an die Stadt Kitzingen für die Ausrichtung der Veranstaltung endete der Abend. Sein Appell ging an alle Anwesenden: „Geben Sie unser Wissen und unsere Erinnerungen an künftige Generationen weiter.“
Info: In der Pfarrkirche St. Johannes und in der Evangelischen Stadtkirche ist eine Ausstellung zum Luftangriff zu sehen.



