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Altlastensanierung Schonungen. "Die Erde wird beben!"

30.11.2010

Schonungen - Natürlich war es die Sanierungsplanung für die Altlasten, die im Mittelpunkt der Schonunger Bürgerversammlung stand. Im bis auf den letzten Platz besetzten Saal des Sportheims im Albanpark war das aber erst ab Stunde drei das Thema. Und als die Luft so richtig schon verbraucht war, da ging es ab ca. 23 Uhr des Montagabends und bis schließlich rund ein Uhr in der Nacht um die ganz brisanten Punkte: Rund 9200 Lkw-Fuhren in dreieinhalb Jahren werden die Bürger so oder so belasten. Wie aber kommen sie ins Sanierungsgebiet und von dort wieder weg, um den belasteten Boden ins Abfallwirtschaftszentrum Rothmühle bei Bergrheinfeld zu bringen, wo er zwischengelagert werden soll? Und verkraften das überhaupt die bestehenden Straßen oder die Autozubringer-Brücke? Wer kommt auf für eventuelle Straßenschäden? Vieles ist nach wie vor unklar.


Die Waldsachsener Bevölkerung ist natürlich alles andere als angetan von der vorgestellten Planungsvariante 1c namens "großer Kreisverkehr". Danach werden die insgesamt 110.000 Tonnen Bodenaushub vom Sanierungsgebiet Richtung Marktsteinach gefahren, ehe die Lkws dann kurz vor dem Ort nach rechts abbiegen, um über Waldsachsen auf die B 303 zu gelangen, von da auf die Autobahn und zur Rothmühle. Zurück könnten sie dann über die Schonunger Hauptstraße fahren, wo jetzt schon täglich bis zu 500 Lastkraftwagen gezählt werden. Was der weitaus kürzere Weg wäre, durch Engstellen und die Kurven sei ein Begegnungsverkehr im Altort aber schwer realisierbar. Daher die große Runde. Variante drei scheidet wohl eh aus aufgrund der kaum machbaren Umsetzung: Mittels Förderband könnte man aus dem Altlastengebiet über die Steinach den Boden zum Albanpark bringen. Bei kaum vier Metern Abstand zu u.a. einer Behindertenschule natürlich ein Unding. Variante zwei heißt "Truck Road" und sieht vor, bei der großen Runde Waldsachsen zu umgehen: Durch den Ausbau der Feldwege. Bei den kalkulierten 33 Millionen an Gesamtkosten für die Maßnahmen sind aber an sich keine Gelder eingeplant für Straßenbau. Trotzdem wäre das die Variante, mit denen die Waldsachsener leben könnten.

Positiv betrachtet könnte man sagen: Schonungen wird ab 2011 zum Paradies für Lkw-Fahrer und zum Mekka für die Fans der Brummis. Auf die Anwohner wird natürlich eine enorme Belastung zukommen. Geschätzte 840 Arbeitstage umfasst die Hauptzeit der Sanierung mit Ab- und Anfahrt von Boden. Im Durchschnitt wird etwas mehr als ein Lkw pro Stunde fahren, in Stoßzeiten können es aber auch bis zu zwölf pro Stunde und 60 am Tag sein. Die 9200 Fuhren müssen auf ihrem Weg zur Rothmühle dann auch noch durch Schnackenwerth (Gemeinde Werneck) fahren, wo man sich der Problemtik anscheinend noch nicht angenommen hat. Ab Oktober 2011 startet Bauabschnitt eins mit dem Rückbau des Richter-Baus, dem Ausgangspunkt der Sattler-Altlasten. Ab September 2012 soll dann die Steinach verlegt werden, um im Sattlergebiet so richtig loszulegen. Ab Oktober 2013 ist schließlich der Hauptschadensbereich um dei Werlingstraße dran. Ende 2015 soll Schonungen aus dem Altlastenkataster gestrichen werden.

"Die Erde wird beben", warnt schon mal Oberregierungsrätin Gabriele Frühwald, die im Landratsamt Schweinfurt für Bauen, Umwelt und Abfall zuständige Abteilungsleiterin. Bis in neun Meter Tiefe wird auf über 110 Grundstücken die Erde ausgehoben. 110.000 Tonnen an mit Arsen, Blei und Kupfer belasteten Boden müssen entfernt und natürlich wieder aufgefüllt werden. Fünf Wohnhäuser werden komplett zurückgebaut, Schutzwände errichtet, Maßnehmen ergriffen, um Staub- und Lärmbelastungen so gering wie möglich zu halten. Ungefähr sieben Millionen Euro sind alleine für die Entsorgung eingeplant. Eine Unter-Tage-Deponie nahe Heilbronn käme in Frage als Endlager, über die endgültige "Heimat" des Bodens, der in der Rothmühle zunächst analysiert wird, entscheidet jedoch eine Ausschreibung. Vergleichbar mit Atommüll sei der belastete Boden keinesfalls. Ganz frei von Arsen wird das Sattler-Gebiet aber auch nach der Sanierung nicht sein können. Eine Gefahr gehe dann aber von den Altlasten nicht mehr aus. Auf der Sattlerweise will sich die Gemeinde nach den Maßnahmen ihren Traum verwirklichen und das lange schon angedachte Alten- und Pflegewohnheim realisieren.

Städtebauliche Projekte für eine letztliche Verschönerung des Altlasten-Gebietes sind längst angedacht, kamen aufgrund der brisanteren Themen bei der Bürgerversammlung aber nach Mitternacht ein wenig zu kurz. Der Bach Steinach wird geschwungen an den Berg verlegt, die Sattlerwiese soll ein Biotop erhalten, mehr Bäume sind geplant. Von der Werlingstraße zum Bauhof wird es einen Durchbruch geben mit einer direkten Verbindung, auf dem Gelände der jetzigen Richter-Fabrik enstehen ebenso eine neue Straße und Bauplätze.

Die ersten zwei Stunden der Bürgerversammlung ging es um ganz andere Themen. Bis 2015 könnte Schonungen seinen Bahnhalt bekommen, was die Großgemeinde aufwerten würde, glaubt Bürgermeister Kilian Hartmann. Bislang nur 35 Geburten in 2010 lassen erahnen, dass es mit der Bevölkerung weiter abwärts gehen könnte. Um 70 Einwohner ging die Zahl in den letzten drei Jahren zurück. Trotzdem gab die Gemeinde mit ihren neun Ortsteilen alleine für 2010 600.000 Euro für ihre Kindergärten aus. Nur noch 92 Kinder besuchen derzeit die 5. bis 9. Klasse der Hauptschule. 1973 waren es noch über 600. Den Hauptschul-Standort wird Schonungen nicht halten können, daher der Schulverbund mit Sennfeld und Gochsheim und das Bestreben, ab 2011 Realschul-Standort zu werden als Außenstelle von Gerolzhofen. Beim Gewerbegebiet "Tiefer Graben" am Ortsausgang Richtung Haßfurt soll geprüft werden, ob sich dort ansiedelnde Einzelhandelsbetriebe negativ auswirken auf den Altort. Sobald dort gebaut wird, ist auch ein Kreisverkehr am östlichen Ortsausgang wieder ein Thema.

Thema Stolpersteine: Ein ARD-Magazin hatte letzte Woche davon berichtet, dass die Gemeinde in einer nichtöffentlichen Sitzung entschied, solche Steine nicht vor den Häusern zu errichten, in denen einst jüdische Bewohner lebten, die im Dritten Reich ermordet wurden. Man müsse sich ernsthaft mit dem Thema befassen, regte der Mainberger Historiker Dr. Thomas Horling an und würde zu gerne auch wissen, welche Schonunger damals Mitglied der SS waren. Dabei gab´s fast schon verbale Tumulte im Saal, weniger bei seinem Antrag, wieder jährlich in allen Gemeindeteilen Bürgerversammlungen abzuhalten. Die breite Mehrheit stimmte dem zu. Bürgermeister Hartmann will dieses Thema nun demnächst auf die Tagungsordnung im Gemeinderat setzen, sieht sich aber nach wie vor im Recht, das bei der Resolution zum Atomkraft-Ausstieg nicht zu tun. Das sei nicht die Aufgabe der Gemeinden. Als Mensch aber denke Kilian Hartmann anders als als Amtsperson, gab der Bürgermeister zu. "Wir müssen offensiver umgehen mit regenerativen Energien", lautete sein Statement, für das es großen Applaus gab.


Von: Michael Horling