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„Auch die Ermöglicher und Vertuscher müssen sich ihrer Verantwortung stellen“

16.11.2020

25 Jahre nach Auszählung des KirchenVolksBegehrens in Deutschland (18./19. November 1995)


München: Angesichts des McCarrick-Berichts und der Kölner Missbrauchsstudie erneuert die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche ihre Forderung, dass auch die Ermöglicher und Vertuscher sexualisierter und geistlicher Gewalt sich ihrer Verantwortung stellen bzw. zur Verantwortung gezogen werden müssen. Systematische Verantwortungslosigkeit kirchlicher Amtsträger muss mit Rücktritten von jenen beendet werden, die zur Vertuschung sexualisierter Gewalt beigetragen haben. Erst so sehen die Betroffenen ein Zeichen von Gerechtigkeit.

 

Der aktuelle Bericht über die Verfehlungen des früheren Kardinals und Erzbischofs von Washington D.C. Theodore Edgar McCarrick sowie die unsäglichen Auseinandersetzungen über die zurückgezogene Veröffentlichung der von Kardinal Rainer Maria Woelki in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie für das Erzbistum Köln machen erschreckend deutlich, wie hochaktuell das Problem sexualisierter und geistlicher Gewalt und ihrer mangelnden Aufklärung trotz aller Bemühungen nach wie vor ist.

 

Bereits im Juni 2016 hatte Papst Franziskus ein entschlosseneres Vorgehen in solchen Fällen ermöglicht sowie die Amtsenthebung von Bischöfen und Leitern von Ordensgemeinschaften erleichtert. Doch in Deutschland wird die Frage nach der persönlichen Verantwortung und nach möglichen Rücktritten von Bischöfen, Generalvikaren und Personalverantwortlichen erst jetzt gestellt.

 

Zu Recht fragen immer mehr Menschen auch nach der institutionellen Verantwortung der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Ebenso ist nach der besonderen Verantwortung von Kardinal Gerhard Ludwig Müller zu fragen, der von 2012 bis 2017 als Präfekt der Glaubenskongregation für die Ahndung dieser Verbrechen zuständig war, aber nicht im Sinne von Papst Franziskus handelte und bis heute die systemischen Zusammenhänge leugnet.

 

Als vor genau 25 Jahren, am 18./19. November 1995, unter notarieller Aufsicht und mit Live-Schaltung des ZDF die Stimmen des KirchenVolksBegehrens in Deutschland ausgezählt wurden, gab es in Deutschland keinen so prominenten Fall wie die Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem früheren Wiener Kardinal Hans Hermann Groër. Trotzdem unterschrieb in Deutschland ein ähnlich hoher Anteil der Katholik*innen wie in Österreich die fünf Forderungen des KirchenVolksBegehrens, nämlich 1.845.141 Menschen.

 

Während damals noch 16 der 27 deutschen Diözesen die Unterschriftensammlung untersagten, werden viele der Forderungen mittlerweile auch von Teilen der Kirchenleitung mitgetragen und stehen auf der Agenda des Synodalen Weges in Deutschland, nachdem die MHG-Studie sie als Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt und Vertuschung erkannt hatte. Die fünf Forderungen nach Geschwisterlichkeit, Frauengerechtigkeit, Aufhebung des Zölibatszwangs, positiver Sexualmoral und nach einem Ende kirchlicher Drohbotschaften gelten seitdem bei vielen als weltweiter Reformkanon für ein visionäres Kirchenbild.

 

Die Zeit drängt. Das Zeitfenster, in dem die Kirche ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen kann, schließt sich. Wenn nach dem KirchenVolksBegehren 1995 in Österreich die Reformpunkte von Wir sind Kirche auch von der Kirchenleitung ernstgenommen und entschieden angegangen worden wären, wäre zumindest in den vergangenen 25 Jahren vielen Betroffenen großes Leid und der Kirche immenser Schaden erspart worden.

 

Mit seinem Nottelefon in den Jahren 2002 bis 2012 hatte Wir sind Kirche ein niederschwelliges Beratungsangebot für Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kirche lange vor den Angeboten der Deutschen Bischofskonferenz geschaffen.

 

Im Jahr 2010 hat Wir sind Kirche die deutsche Übersetzung "Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Eine notwendige Konfrontation" des 2008 erschienenen Buchs des australischen Weihbischofs Geoffrey Robinson organisiert und herausgegeben. Robinson war selber Missbrauchs-Betroffener und später Vorsitzender des nationalen Komitees zur Klärung der Missbrauchsvorwürfe (www.wir-sind-kirche.de/?id=367#ROBINSON).


Von: PM/WSK