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Einweihung des Schweinfurter Gedenkortes für die Zwangsarbeiter / -innen im 2. Weltkrieg

27.08.2011

Schweinfurt - Auch in Schweinfurt sind in den Weltkriegsjahren 1942 bis 1945 von der Nazi-Diktatur Frauen und Männer aus vielen europäischen Ländern zur Arbeit gezwungen worden. An die über 10 000 Zwangsarbeiter in der Industriestadt wird künftig auf dem früheren Lagergelände Mittlere Weiden im Stadtteil Oberndorf ein Gedenkort stetig erinnern. Er wird am Sonntag, 25. September, um 11 Uhr im Beisein ehemaliger Zwangsarbeiter aus Belgien, Italien und der Ukraine seiner Bestimmung übergeben. Das künstlerische Konzept für das Projekt der Schweinfurter „Initiative gegen das Vergessen“ stammt vom international bekannten Künstler herman de vries, der in Eschenau (Landkreis Haßberge) lebt.


Mittelpunkt des Gedenkortes an dieser historischen Stelle wird eine halbrunde Steinbank sein, die von drei Linden eingefasst ist. In die Bank wird nur der erste Satz des Grundgesetzes eingemeißelt sein:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Die Bäume sind bereits gepflanzt. Der Stein ist kein bloßer Gedenk- oder gar Grabstein, sondern er soll zum Sitzen und Sinnieren einladen, um den Ort mit seiner bedenkenswerten Geschichte auf sich wirken zu lassen.

Die Blöcke stammen aus einem Steinbruch in der Nähe des Mains nahe einem weiteren Lager, in dem viele tausend Zwangsarbeiter in Holz-Baracken unter schlimmen Verhältnissen untergebracht waren.

Für den Niederländer hermann de vries (80) hat das Thema Krieg und Zwangsarbeit auch einen persönlichen Hintergrund. Ein Onkel war mehrere Jahre Zwangsarbeiter in Osnabrück. Ein guter Freund des Vaters kam 1944 in Bergen-Belsen um, weil er Juden versteckt hatte. Ein anderer Freund des Vaters kam aus dem KZ zurück, er war im Widerstand. Ein paar Wochen danach ist er an Auszehrung gestorben.

Einige Zwangsarbeiter leben noch, wie der 97-jährige Leonardo Calossi. Der Italiener und weitere Zwangsarbeiter aus der Ukraine, Polen und Belgien wollen zur feierlichen Übergabe des Gedenk-Ortes am 25. September nach Schweinfurt kommen. Zugesagt haben außerdem zwei in Schweinfurt geborene Kinder von Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine. Sie sind zwischen 65 und 68 Jahre alt und werden ihren Geburtsort zum ersten Mal sehen. Eingeladen hat die „Initiative gegen das Vergessen“ außerdem die Botschaften der Länder.

Für die Initiative ist es nicht der erste Gedenk-Ort für Opfer von Nationalsozialisten. Gemeinsam mit anderen Gruppen errichtete sie für den SPD-Abgeordneten und Gewerkschafter Fritz Soldmann eine Skulptur. Soldmann war in verschiedene Konzentrationslager verschleppt worden, er erlebte noch seine Befreiung aus dem KZ Buchenwald durch die Amerikaner im April 1945, starb jedoch wenige Wochen danach an den Folgen der Haft. Außerdem erinnert seit 2007 ein Gedenkstein an die von Nazis im März 1945 ermordete, erst 18-jährige Zwangsarbeiterin Zofia Malzcyk aus Polen.

Der Gedenkort für die Zwangsarbeiter ist Endpunkt eines Lagerwegs, der an den Orten der damaligen Werkslager für Zwangsarbeiter vorbeiführt und mit erklärenden Tafeln versehen werden soll. Auch der Lagerweg wird am 25. September seiner Bestimmung übergeben.

Die Initiative freut sich, dass das einstige Tabuthema in Schweinfurt mittlerweile breit diskutiert wird und man sich auf allen Ebenen offen zum Geschehen vor über 65 Jahren bekennt. Die Initiative ist bei Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und der Stadt auf große Zustimmung gestoßen. Die Kosten für Gedenk-Ort, Lagerweg und die Betreuung der weit angereisten Zwangsarbeiter werden aus Spenden von Privatleuten, Organisationen und der vier großen Industrieunternehmen FAG/Schaeffler, ZF Sachs, SKF und Bosch Rexroth finanziert, deren Vorgängerfirmen tausende von Zwangsarbeitern beschäftigten. Die Stadt Schweinfurt beteiligte sich durch respektable Sachleistungen.


Von: Michael Horling