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Religion – Hilfe oder Hindernis in der Integration?

14.05.2019

Die Giordano Bruno Stiftung Unterfranken diskutierte die Frage der Migration aus zwei Perspektiven. Das Fazit: Einen Grund zur Panik gibt es nicht, aber es existieren Probleme – und Lösungen.


Die Podiumsdiskussion begann mit Impulsreferaten aus zwei Perspektiven. Zunächst berichtete Dittmar Steiner von der „Säkularen Flüchtlingshilfe“. Steiners Leben hat sich seit seiner ersten Begegnung mit Rana Ahmad fundamental geändert. Ahmad wollte der religiösen Enge Saudi-Arabiens, dem Niqab und der Todesgefahr wegen ihres Abfalls von der Religion in ein freies, selbstbestimmtes und sicheres Leben entkommen. In Deutschland angekommen, hatte sie drei Ziele: eine Organisation zu gründen, um anderen betroffenen Frauen zu helfen, ein Buch zu schreiben, welches im Februar 2018 erschien, und Physik zu studieren. Sie ist Mitbegründerin der “Säkularen Flüchtlingshilfe e.V.”, die betroffene Personen unterstützt und ihnen eine Stimme gibt, wie andere aktuelle Fälle des Vereins zeigen: Worood Zuhair wurde wegen ihrer Kritik am Islam von ihrem Bruder derart misshandelt, dass sie eine schwere Behinderung davontrug. Trotzdem gelang ihr die Flucht nach Deutschland, wo sich Steiner und seine Mitstreiter dafür einsetzten, dass ihre Wonhnsitzauflage aufgehoben wurde, damit sie in eine eigene Wohnung ziehen konnte. Damit niemand weiß, wo diese liegt, setzte sich der Verein dafür ein, dass die Behörden keine Auskunft zur Person Zuhair erteilen dürfen. Diese Maßnahmen ergreift die „Säkulare Flüchtlingshilfe“ bei allen, die sich an sie wenden. Denn in Deutschland zu sein, heißt nicht in Sicherheit zu sein. Neben gewalttätigen Übergriffen bei anderen Schutzpersonen wird Zuhair beispielsweise von einer irakisch-schiitischen Rockergang in Deutschland unter Druck gesetzt. Andere Frauen, zum Beispiel aus Saudi-Arabien, sind von Entführung und Ermordung bedroht, wie Steiner berichtet. Der Verein arbeitet mit Personen aus 14 islamischen Ländern zusammen, die wegen ihres Nicht-Glaubens verfolgt werden.

 

So erschreckend solche Fälle sind, so selten sind sie auch. Das befand Burkard Fuchs, der die größte und mittlerweile einzige Gemeinschaftsunterkunft für Asylsuchende der Stadt Würzburg leitet. Eingerichtet wurde sie im Rahmen der großen Migrationsbewegung 2015, als vor allem Menschen aus Syrien und Afghanistan kamen, um in Deutschland vor der Terror, Krieg und Verfolgung Schutz zu suchen. Mittlerweile leben im „Reuterhaus“ auch viele Menschen, die vor dem Krieg in der Ost-Ukraine Schutz gesucht haben, aber auch kleinere Gruppen aus Somalia, dem Irak und Äthiopien. Fuchs erzählte, dass es deshalb zunächst Befürchtungen gab, die zunehmende Vielfalt in der Bewohnerschaft könne zu Konflikten zwischen den islamischen „Konfessionen“, den Religionen, Kulturen und Volksgruppen führen. Jedoch wurde diese Sorge in keiner Weise bestätigt. Im Gegenteil meinte Fuchs bezugnehmend auf Steiners Problemschilderungen, dass er glaubt, die Durchmischung bringe eher Beruhigung. Wenn keine Ethnie, Kultur und Religion die absolute Mehrheit darstelle, müssten die Menschen lernen miteinander zu leben sowie miteinander umzugehen und entwickelten Verständnis füreinander sowie Freundschaft miteinander. Diesen Prozess zu fördern sieht Fuchs als wichtiges Ziel seiner Arbeit. Weitere Schritte im groß angelegten Konzept der Stadt Würzburg für die Integration seien, die Flüchtlinge in die deutsche Sprache, den deutschen Arbeits- und den regulären Wohnungsmarkt zu integrieren. Hierfür arbeite im Reuterhaus ein Team aus Mitarbeitern des Sozialreferats, Handwerkskammer und Caritas-Wohnraumvermittlung eng mit den Anbietern von Sprachkursen und Schulen zusammen. Dieses Herangehen habe sich als ausgesprochen wirksam erwiesen: Die allermeisten Flüchtlinge sprechen nach gut drei Jahren hervorragend deutsch, viele machten eine Ausbildung, bereiteten sich auf ein Studium vor oder arbeiteten bereits, um den Sprung in die deutsche Gesellschaft endgültig zu schaffen. Aus eigener Arbeit „Haus, Auto, Gartenzwerg“ zu realisieren, sei das Ziel der allermeisten, so Fuchs.

 

Dies kann auch Steiner bestätigen. Nachdem die Menschen, die sich mit ihren Problemen an die „Säkulare Flüchtlingshilfe“ gewendet hatten, durch Anonymität geschützt und so von den Problemen und Drohungen aus ihren Heimatländern und hier lebenden Communities abgeschirmt werden konnten, hätte ebenfalls ein bemerkenswerter Integrationsprozess stattgefunden. Dass deshalb frühzeitige Begegnungen mit der deutschen Kultur und der kulturellen Vielfalt nötig sind, um das Erlernen von Toleranz natürlich zu fördern, kam in der Diskussion immer wieder zu Tage. Von Publikum und Podium wurde jedoch auch herausgestellt, dass es gegenüber den Problemfällen, wie dem sich in islamistischen Rockerbanden organisierenden Verbrechern, die Menschen wie Worood Zuhair bedrohen, keine Toleranz geben dürfe. Die Chance, solche Problemfälle zu verhindern und Integration zu einem Gewinn für alle werden zu lassen, scheint jedoch in mehr Miteinander und aufeinander zugehen zu liegen. Bis dahin wird es die Arbeit der „Säkularen Flüchtlingshilfe“ bedürfen. Diese können Sie mit einer steuerlich absetzbaren Spende an ​IBAN: DE70 3705 0198 1933 9865 13 unterstüt​zen.

Dittmar Steiner von der „Säkularen Flüchtlingshilfe e.V.“ (links) und Burkard Fuchs, Leiter der Gemeinschaftsunterkunft „Reuterhaus“ bei der offenen Diskussion mit dem Publikum zur Frage „Religion – Hilfe oder Hindernis in der Religion?“, die durch das Projekt „Demokratie leben“ ermöglicht und von der „Giordano Bruno Stiftung Unterfranken e.V.“ organisiert wurde

Von: S. Thomas/St. Hemmerich