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Werbung zum Schulanfang-Weichenstellung fürs Leben

19.09.2013

Schweinfurt: Landauf, Landab begann am Dienstag den 10.September 2013 in Bayern die Schule.Von erwartungsvoll gespannt bis unsicher und zurückhaltend reichte die Palette der Gefühle beim Anrücken in die jeweiligen Schulgebäude der frischgebackenen ABC-Schützen. Den Blick nach vorne gerichtet in Gedanken darauf, wie sich das Kommende gestaltet, die Eltern und Verwandten der Sprößlinge. Gleich am Eingang der Schulen wurden sie ausgebremst durch Wahlwerbung. Eine Rose und ein Flyer drückten die jeweiligen Kandidaten mit einem Lächeln und einem Spruch in die mit Mappen und Ordnern vollbepackten Hände. Eine nette Geste, ein Geschenk, umsonst und draußen, will man meinen. Geschenke verpflichten, weiß der Psychologe.

 

Im Versammlungsraum der Schule geht es gleich weiter. Nach den Ansprachen, Vorführungen und Anweisungen werden knallgelbe Warnwesten für die Zöglinge ausgeteilt, natürlich mit Werbung aufgedruckt. Und nur für das Wohl und Überleben der lieben Kleinen im Straßenverkehr. Mal abgesehen davon, wieviele von den Kids dann wirklich diese Warnwesten anhaben werden,wenn sie zukünftig im Schulgebäude ankommen und sich damit gleich als Fußgänger outen, ist ein Kind als Werbefläche doch ein gewinnträchtiger Gedanke. Aber viele Eltern bringen ihren Nachwuchs oft mit Auto zur Schule oder zum Kindergarten. Daran läßt sich gleich, zwar nicht zwingend, der gesellschaftliche Status ablesen.Trotz der Apelle von staatlich geprüften Erziehungsberechtigten doch den Frischluftfaktor zu nutzen beim morgentlichen Lauf in die Schule. Gerade in der Stadt ist dies jedoch an regennasse, dunklen Tagen ein besonderes morgentliches Vergnügen.Sehr effektiv, da die kleinen Menschen doch noch näher an den Abgaswerten der Rush-Hour-Autokolonnen dran sind.

 

Verkehrserziehung muß sein,fraglos. Auf dem Lande wird oft der Schulbus genutzt. Der Straßenverkehr ist auch ein anderer. Ein Schulweg kann zumeist in der Stadt zum Marathon-Lauf werden. Es braucht Vortraining der Kinder und vorausschauende Autofahrer. Im allgemeinen wird früh gerast,was das Zeug hergibt und die Möglichkeit, man ist ja genervt und spät dran. Die heutige Zeit hat zu beklagen, daß das Maß aller Dinge verloren gegangen ist. Zuviel Hektik, Konkurrenzdruck, Reizüberflutung und Ichsucht tragen zur Desensibilisierung der Gesellschaft bei. Da tut die Werbung ihr Übriges. Es ist keinem ein Gefallen getan, wenn Kinder zu Konsumenten erzogen werden, wenn sie früh lernen müssen, daß man nach seinem Kosten-/Nutzenfaktor beurteilt wird. Mit dem Risiko, vielleicht irgendwann als Risikofaktor eingestuft zu werden, wenn man aus dem Raster fällt.

 

Der auf Staatskosten zum Fußgänger wird, zum Rollstuhlfahrer gar, der dann irgendwann in Billig-Pflege- und Altenheimen entsorgt werden muß. Gelder für Knast, Therapie oder Pflege könnte man sich ersparen, wenn selbständiges Denken und Kreativität mehr gefördert würde, als die Norm. In den Kinderzimmern fängt die Normierung schon an. Bunte variable Plastikteile in immenser Zahl um ein Neverland zu erbauen, daß niemals vollendet wird; magersüchtige, zaunlattenförmige Modepüppchen mit störrischen Polymerfaserhaaren, die zum An- und Ausziehen gedacht sind; multifunktionale Cyborg-Terminatorfiguren zum Erlernen technisierten Macho-Benehmens sorgen für Verfestigung von Klischees.

 

In der zuckerwattebunten Kinderwelt, überfrachtet mit Möglichkeiten, finden sich namhafte Produktherstellernamen ein, die im Gedächtnis wie Schwermetall im Denkorgan, hängenbleiben. Die oft übliche Dauerberieselung durch elektronische Glotz- und Hörkästen, wo gewichtige Fresstempel, markante Möbelmarken, Allround-Autohersteller, All-is-possible-Reiseunternehmen oder Tier-Verwöhn-Streichel-Einheitsfutterproduzenten für den Massengeschmack am Fließband mit überhöhter Lautstärke und unterbewußtseinsaktivierenden Bildsequenzen marktschreierisch feil- und anbieten, sorgen dafür,daß das Weltbild die richtige Prägung erhält. Frühzeitig wird ins Gehirn gehämmert, was Sache ist. “Haste was, biste was. “Ein schnelles Motorrad, die richtige Seife, innovative Geldgeschäfte, modisch-luxuriöses Profilieren,Sicherheit vor den Unbilden des Lebens und der menschlichen Zweisamkeit, all das führt zu strahlend weißem Lächeln in einer zum Hochglanz-Warenkatalog hochstilisierten duftsprayreinen Wellness-Märchenlandwelt,wo alles gelingt, wenn du nur den richtigen Dreh zur Nutzung raushast.

 

Überdimensionale Gesichter auf Werbeplakaten am Straßenrand, dogmatisierende Werbesprüche auf beleuchteten Werbeplakaten bringen den notwendigen Prägeeffekt. “Kauft,Leute, kauft! Ja,wo kaufen sie denn? “Deutsche Wirtschaft, gepriesen sei dein Wachstum! “Fliege mit mir in den Himmel... “Man fühlt sich an Dädalus und Ikarus erinnert, angesichts der Real-Fakten.Die Armut, Teuerungsrate, exponentiell ansteigende Krebserkrankungen und ein krass erhöhtes Artensterben verzeichnen die am schnellsten ansteigenden Wachstumsraten. Verlagerungen von Unternehmen in andere Länder, Zunahme von giftigen Chemikalien in der Umwelt, schwindende Bildungschancen bei nie da gewesenem Wissensstand und immer schlechter werdende medizinische Versorgung bei unglaublichem Know-How sprechen eine andere Sprache.

 

“Komm,es gibt Leckerli, wenn du brav marschierst.“Wauwau.“Platz! Mach Männchen! “Nur nicht querdenken oder genormte Bahnen verlassen. Ist es nicht fruchtbarer,Kinder zu lehren, was die Welt zusammenhält? Nämlich die Werte,die mit Geld und Gold nicht zu haben sind? Für sich und die Welt? Werbung für Produkte, deren Halbwertszeit im Nanobereich liegen, tut es jedenfalls nicht und wenn, dann natürlich in Verbindung mit Materie, die Glücklichsein verspricht. Könnte man nicht Kugelschreiber, Warnwesten, Plakate oder Schirmmützen mit Werbeslogans wie: “Liebet einander, quäle keine Tiere, teile was du hast, pflege die Stille des Geistes oder Du bist nicht allein auf der Welt...“bedrucken? Zumindest würde das zur Erheiterung einiger Zeitgenossen beitragen und somit wäre wenigstens der Spaßfaktor gesichert.


„Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie Ungerechtigkeit"

-Charles Dickens-



Von: TS