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Bei Anruf Kind!

Interview mit Bereitschaftspflegemutter Maria Hartmann aus Mellrichstadt /

Bedarf an Bereitschaftspflege wächst

Der Landkreis Rhön-Grabfeld bietet für Kinder und Jugendliche, die eine schnelle und unvorhergesehene Betreuung benötigen, eine Bereitschaftspflege an. Geleistet wird diese von engagierten Rhönerinnen und Rhönern. Die 62-jährige Maria Hartmann aus Mellrichstadt geht nun in den wohlverdienten Ruhestand. Das Interview soll Interessenten Mut machen, ihrem Vorbild zu folgen. Denn der Bedarf an Bereitschaftspflege ist höher, als sich der Normalbürger vorstellen kann

 

? Frau Hartmann, wie kamen Sie zur Bereitschaftspflege?

Maria Hartmann: Eine Freundin, die selbst Bereitschaftspflegemutter ist, hat mich dazu motiviert, als ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Altenpflege arbeiten konnte. Ich brauchte eine neue Perspektive, wollte etwas Sinnvolles tun, denn meine Kinder waren fast alle aus dem Haus und mein Mann noch berufstätig.

 

? Was hat Sie zu der Entscheidung bewogen?

M.H.: Mir hat gut gefallen, dass ich keine langfristige Verpflichtung eingehe, denn die Kinder und Jugendlichen bleiben ja maximal einige Monate bei uns. So konnte ich mich dazwischen gut erholen, das ist wichtig für meine Gesundheit. Außerdem hatte ich eine sehr gute Beratung im Jugendamt.

 

? Wie wird man Bereitschaftspflegemutter?

M.H.: Also ganz ehrlich, man muss erst mal wirklich viel machen. Lebenslauf schreiben, auch den vom Mann, die Familiensituation schildern, von der eigenen Kindheit berichten. Man legt alles offen, wird gläsern. Das muss man vorher wissen. Dann kommen Gespräche mit dem Jugendamt, bis auf beiden Seiten klar ist, dass man wirklich für diese verantwortungsvolle Aufgabe geeignet ist. Und natürlich braucht man einwandfreie Führungszeugnisse, ein Gesundheitszeugnis und einen Gehaltsnachweis.

 

? Wie hat Ihre Familie reagiert?

M.H.: Auch hier ganz ehrlich, sie waren erst sehr skeptisch. Aber das hat sich in vielen Gesprächen gelegt. Dann stand meine Familie ganz fest hinter mir und hat die Kinder und Jugendlichen ins Familienleben integriert. Das ist wichtig, sonst kann man diesen Job nicht machen.

 

? Wie viele Kinder haben Sie betreut?

M.H.: Das kann ich nicht zählen. Ich glaube, so 20 Kinder waren es wohl. Fest steht, dass man das erste und das letzte Kind nicht vergisst.

 

? Wie kamen die Kinder zu Ihnen?

M.H.: Tja, sehr schnell auf jeden Fall. Es kam immer ein Telefonanruf: Frau Hartmann, wir haben ein Kind, können Sie es nehmen? Es ist auf jeden Fall wirklich ein Bereitschaftsdienst, manchmal auch nachts oder gleich am nächsten Tag.

 

? Wie haben Sie die Kinder bei sich integriert?

M.H.: Sie haben ganz normal am Familienleben mit seinen Regeln und Aufgaben teilgenommen. Sie haben keine Extrawurst bekommen. Das Wichtigste war wohl, dass ich ihnen Zeit geschenkt habe. An die Hand genommen. Sie angenommen habe, wie sie sind. Ich habe mit ihnen gespielt, bin mit dem Hund spazieren gegangen. Habe vorgelesen. Was man mit den eigenen Kindern auch tut.

 

? Haben die Kinder Ihre Hilfe gerne angenommen?

M.H.: Das war ganz unterschiedlich. Vor allem größere Kinder tun sich schwerer die neue Situation zu akzeptieren. Da ist es wichtig, Geduld zu haben. Mit den meisten Kindern hat es gut funktioniert. Sonst hätte ich sicherlich die Segel gestrichen. Aber es muss klar sein, dass nicht alles glatt läuft, wie es halt bei eigenen Kindern auch ist.

 

? Was empfehlen Sie interessierten Rhönerinnen und Rhönern?

M.H.: Öffnen Sie Ihr Herz für die Kinder. Sonst können sie keinen Platz kriegen. Vergessen Sie alle Vorurteile. Nehmen Sie die Kinder an, wie sie sind. Haben Sie Geduld, dann kommt jeden Tag ein Stückchen mehr. Seien Sie ehrlich und rufen Sie bei Problemen beim Jugendamt an.

 

? Was ist das Schönste am Beruf Bereitschaftspflegemutter?

M.H.: Man darf nicht erwarten, dass von den Kindern und Jugendlichen etwas zurückkommt. Aber alleine, ihnen die Zeit mit schönen Erlebnissen gegeben zu haben, ist es wert. Man weiß, was man Gutes gemacht hat. Es bleiben aber auch gute Kontakte und von einigen Kindern bekomme ich jedes Jahr eine Weihnachtskarte. Ich hoffe, dass einige den Mut finden, die Bereitschaftspflege zu übernehmen.

 

? Konnten Sie die Kinder gut loslassen?

M.H.: Das Loslassen ist nie einfach. Fast jedes Kind weint, wenn es gehen muss. Und ich hatte auch oft Tränen in den Augen, weil es mir schwerfiel, meinen Schützling wieder loszulassen. Aber man hat die Gewissheit, dass man ihnen eine gute Zeit gegeben hat, die ihnen vielleicht im weiteren Leben hilft.

 

? Haben Sie es je bereut, Bereitschaftspflege zu machen?

M.H.: Nein, niemals! Es war eine gute Zeit. Sie hat mir die Augen geöffnet, dass es nicht überall eine heile Welt gibt. Ich möchte die Zeit nicht missen und blicke gerne zurück.

 

? Was machen Sie jetzt im Ruhestand?

M.H.: Jetzt will ich mit meinem Mann viele Wohnmobilreisen machen. Und mit den Enkeln kommt ja auch wieder Leben in die Bude. Und dann will ich auch mal was für mich machen, endlich Zeit haben für Sudoko und Lesen.

 

INFO Bereitschaftspflege/Pflegeeltern Alexandra Ehwald, Dipl.-Soz.Päd. (FH) und Laura Pfeuffer, Soz.Päd. B.A. (FH) Landratsamt Rhön-Grabfeld Amt für Jugend, Familie und Senioren Pflegekinderdienst und Adoptionen Roßmarktstr. 50, 97616 Bad Neustadt Tel. 09771/94464, alexandra.ehwald@rhoen-grabfeld.de www.rhoen-grabfeld.de

Maria Hartmann aus Mellrichstadt war acht Jahre in der Bereitschaftspflege aktiv. Sie macht Interessenten Mut, diese Herausforderung anzunehmen. Foto: Tonya Schulz