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Bericht aus Bosnien

Überfüllte Geflüchtetencamps und Gewalt durch Grenzschützer*innen

WÜRZBURG

Geflüchtete an der bosnisch-kroatischen Grenze befinden sich in einer verzweifelten Situation. Täglich werden viele von ihnen beim Versuch, die europäische Grenze zu passieren, gewaltvoll zurückgedrängt oder im Zuge illegaler Pushbacks abgeschoben. Das Familiencamp Sedra wird zum geschlossenen Camp. Selbstorganisierte Camps werden geräumt. Von den Schließungen Betroffene suchen im Camp Lipa Unterschlupf oder gründen neue Camps. Camp Lipa, einst nur als Provisorium errichtet, droht im Sommer die siebenfache Belegung der Kapazitätsgrenze.

 

Geflüchtete werden systematisch sich selbst überlassen. Bewohner*innen, die das Camp Sedra verlassen, verlieren ihre Unterkunft. Vor allem Familien mit Kindern und unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind hier untergebracht. In Konsequenz kommen mehr Menschen ins Camp Lipa. Die Hilfsorganisationen HERMINE e.V. und SOS Bihać, die vor Ort tätig sind, rechnen im Ernstfall damit, dass im Juli rund 7.000 Menschen hier beherbergt werden müssen. Ausgelegt ist das Camp ohne sichere Wasser- und Stromversorgung, ursprünglich auf 1.000 Menschen.

 

Wer nicht nach Lipa kommt, lässt sich vorerst in selbstorganisierten Camps oder Ruinen nieder. Anfang Juni wurden einige der so genannten “Dschungelcamps”, die auf der ersten Etappe des Weges über die europäische Grenze liegen, geräumt. Die bosnischen Grenzschützer*innen wollen verhindern, dass sich die Menschen der Grenze nähern. Beinahe täglich machen sich dennoch hunderte Flüchtende auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft.

 

“The Game” - Englisch für “das Spiel” - wird der Versuch, die bosnisch-kroatische Grenze zu passieren, von ihnen genannt. Sie wollen die Möglichkeit bekommen, ihr Recht auf Asyl geltend zu machen. Doch die Grenze gehört zu den am besten gesicherten Außengrenzen Europas. Die meisten Menschen, die sich ins “Game” begeben, werden Betroffene eines sich ständig wiederholenden eklatanten Rechtsbruches der EU sowie ihrer Mitgliedstaaten. Laut internationalem Recht muss jeder Mensch das Recht haben, Asyl beantragen zu können. Doch Grenzbehörden setzen täglich sich über dieses hinweg. Sie drängen Flüchtende gewaltsam zurück oder schieben sie, wenn sie die Grenze passiert haben, kollektiv ab - ohne vorheriges Asylverfahren. Beteiligt bei diesem rechtswidrigen Verfahren sind unter anderem die Grenzschutzagentur Frontex, teilweise mit Unterstützung deutscher Polizist*innen, und die kroatische Grenzschutzpolizei.

 

Immer wieder berichten Geflüchtete von psychischer Folter und Gewalt von Seiten der Grenzschützer*innen. Ein aus Syrien stammender Mann berichtete HERMINE e.V., dass ihn ein Grenzschützer gebeten habe, die Brille abzunehmen. Nachdem er der Bitte nachgekommen war, brach ihm der Polizist gezielt die Nase. Leider ist dies kein Einzelfall.

 

Neben der Versorgung der Geflüchteten im Camp Lipa und Umgebung, kümmern sich SOS Bihać und HERMINE e.V. auch von Pushbacks Betroffene in den nur schwer erreichbaren Bergen der Grenzregion. Die Betroffenen sind in der Regel stark dehydriert, erschöpft und resigniert. Einige berichten von psychischer Folter oder Gewaltanwendung. Zudem wird Vielen ihr gesamter Besitz gestohlen und verbrannt. Genaue Zahlen zu Verletzten, die sich in dem noch immer mit Minen versetzten und mit wilden Bären und Wölfen bevölkerten Grenzgebiet aufhalten, sind nicht bekannt. 

Zelte eines selbstorganisierten Camps auf der ersten Etappe Richtung Grenze ©HEMRINE e.V