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„Eine Schande im reichen Bundesland Bayern“

Schutz für von Gewalt bedrohte Frauen abhängig von der Haushaltslage?

WÜRZBURG Nur zehn Prozent aller Kosten für ein Frauenhaus übernimmt der Staat. Den Rest muss der Träger selbst tragen, über Spenden oder kommunale Zuschüsse finanzieren. „Das ist in einem so reichen Land wie Bayern einfach nur eine Schande“, redet Simone Strohmayr, frauenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Klartext. Damit nicht genug. Jede zweite Frau in Bayern, die im Frauenhaus Schutz sucht, muss abgewiesen werden.

 

Zu dieser ernüchternden Feststellung kommt die Studie des Instituts für empirische Soziologie der Universität-Erlangen 2016, in Auftrag gegeben vom bayerischen Sozialministerium. „Obwohl man den Missstand jetzt Schwarz auf Weiß nachlesen kann, hat sich nichts geändert, reagiert die Staatsregierung nicht auf unsere Anträge auf den Ausbau von Plätzen“, berichtet Strohmayr bei einem Besuch in Würzburg. Die SPD-Landtagsabgeordnete besuchte, gemeinsam mit ihrem Ochsenfurter Kollegen Volkmar Halbleib, das Frauenhaus der AWO Unterfranken.

 

Wohnraummangel potenziert die Probleme

Brita Richl, die Leiterin des Würzburger AWO Hauses, verdeutliche den Politikern im Gespräch wie sich die Probleme für die rund 40 Frauenhäuser in Bayern derzeit potenzieren. Der ohnehin vorhandene Mangel an Plätzen für die von Gewalt betroffenen Frauen und ihre Kinder werde noch verstärkt durch den Mangel an Sozialwohnungen. Der bewirkt wiederum, dass die meisten Frauen mangels Alternativen deutlich länger im Frauenhaus bleiben müssen.

 

Im AWO Frauenhaus ist die Anzahl der vorhandenen Plätz nicht das einzige Problem. Ursprünglich ausgelegt für sechs Frauen und sechs Kinder, leben derzeit zwölf, also doppelt so viele Kinder in den Räumen als vorgesehen. In Zimmern und Gemeinschaftsräumen, die sowieso schon eher klein und seit 1996 unverändert geblieben sind und damit heutigen Ansprüchen nur unzureichend genügen. Eine Förderung der Investitionskosten für Frauenhäuser aber sind nicht vorgesehen. Grundsätzlich wäre die AWO als Träger bereit nachzubessern, die Frage ist nur wie: „Im letzten Jahr haben wir als Träger bereits ein Defizit von 25.000 Euro getragen“, berichtet AWO Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses.

 

Rückzugsräume wären dringend nötig

Wie beengt die Raumsituation tatsächlich ist, erläutert Richl. Die oftmals schwer traumatisierten Frauen haben keine Rückzugsräume, ebenso wenig wie die Kinder. Das Personal hat kaum Möglichkeiten, in Ruhe Einzelgespräche zu führen, Plätze für Mütter mit halbwüchsigen Söhnen gibt es gar nicht. „Wir müssen von den Betroffenen in solchen Fällen verlangen, das Kind, getrennt von sich, anderswo unterzubringen.“ Verständlicherweise ist die Bereitschaft der emotional hoch belasteten Frauen dazu gering. Ebenso wenig kann die AWO Frauen aufnehmen, die auf barrierefreien Zugang angewiesen sind.

 

Doch nicht nur Räume und Geld für die Sanierung fehlen. Die bayerische SPD forderte 2016, basierend auf den dramatischen Ergebnissen der Studie, Frauenhäuser personell deutlich besser auszustatten, ebenso wie das zu Prävention und Schutz gehörende Hilfenetzwerk. Denn weder Zeit für Leitungsaufgaben noch die hauswirtschaftliche Betreuung (der Hausgemeinschaft), Öffentlichkeitsarbeit, oder Verwaltung sind im Personalplan eingerechnet. Auch bei der Unterstützung und Begleitung der Kinder, deren Mütter gewalttätigen Partnern ausgesetzt sind, sowie an Therapieplätzen mangelt es - im Frauenhaus wie im System der Kinder- und Jugendhilfe.

 

Situation spitzt sich weiter zu

Beinahe zwei Jahre später sieht Richl die Grenze des Erträglichen mehr und mehr erreicht. Denn, sagt sie, die Situation spitzt sich zu. Das Klientel der Frauenhäuser verändere sich, der Arbeitsaufwand - auch in der unverzichtbaren Nachbetreuung – nehme stetig zu. Die betreuten Frauen sind immer häufiger extrem jung, haben wenig Bildung, aber viele Kinder. Manche Mutter wird auch übers Jugendamt vermittelt, weil das Kindeswohl akut gefährdet ist. Eine andere, größer werdende Gruppe sind Frauen mit Migrationshintergrund und Sprachproblemen, meist ohne soziales Netzwerk oder familiäre Unterstützung. Hinzu kommen ältere Frauen mit sehr langen Gewalterfahrungen – „kürzlich haben wir erst ist eine 70-Jährige betreut“, erzählt die Fachfrau.

 

Unter diesen Bedingungen haben Richl und ihr Team tagtäglich alle Hände voll zu tun, um irgendwie den Alltag zu meistern. Doch, weil eine verlässliche Grundfinanzierung fehlt, müssen sie daneben permanent um Spenden werben, um den Fortbestand zu sichern. Dies und die tägliche Erfahrung, verzweifelte, hilfesuchende Frauen vertrösten oder gar wegschicken zu müssen, belasten das Personal dauerhaft.

 

Keine Lösung sei, da sind sich Halbleib und Strohmayr einig, dass die Staatsregierung mit dem Hinweis auf die kommunale Daseinsvorsorge den Schutz für die betroffenen Frauen und Kinder allein den Kommunen überlasse. Damit mache man die Existenz der lebensnotwendigen Frauenhäuser abhängig von der kommunalen Haushaltssituation. 

 

Zahlen und Fakten

- bis zu 2000 Frauen werden im Freistaat jährlich abgewiesen

- um 35 Prozent müssten die Kapazitäten laut der Studie aufgestockt werden

- rund 25 000 Euro Staatsgelder erhält ein Frauenhaus durchschnittlich im Jahr

- nur drei Prozent betroffener Frauen suchen Hilfe in Frauenhäusern oder Fachberatungsstellen

- rund 430 Schutzplätze für Frauen und 500 Plätze für Kinder gibt es in bayerischen Frauenhäusern

- sieben Monate bleibt eine Frau durchschnittlich im Frauenhaus

Die dringende Bitte nach besserer finanzieller und personeller Ausstattung für Frauenhäuser nach München zu tragen, gaben Frauenhausleiterin Britta Richl und AWO Bezirksgeschäftsführer Martin Ulses den MdL Volkmar Halbleib und Simone Strohmayr mit auf den Weg. Fotos: Traudl Baumeister