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Plastik. Probleme. Lösungen.

Es ist so bequem: Joghurtbecher auf, essen, entsorgen. Aber viel Bequemlichkeit bringt auch viel Plastik mit sich.

Doch ist das auch ein Problem? Nicht unbedingt, meint Mathias Ruckdeschel vom Süddeutschen Kunststoffzentrum (SKZ). Zumindest dann nicht, wenn die Entsorgung funktioniert. Selbst dann nicht, wenn diese durch Verbrennung geschieht, wie das in Würzburg der Fall ist. Denn man müsse sich immer eines vor Augen führen:

 

“Plastik, das zur Energie-gewinnung genutzt wird, wurde zwei mal sinnvoll verwendet: als Verpackung und als Energieträger.”

Damit besteht ein klarer Vorteil zur direkten Umwandlung fossiler Brennstoffe in Wärme oder Strom. Bei diesem Prozess stellen sich aber auch Herausforderungen: zum Beispiel die Trennung wiederverwertbarer Plastikprodukte von Einwegprodukten. Diese Sortierung kann bis heute nur händisch vorgenommen werden. Deshalb ist sie nicht perfekt, weil die Unterscheidung der über 200 verschiedenen Plastiksorten, die allesamt unterschiedliche Materialeigenschaften haben, nur auf Erfahrung beruhen kann. Und Erfahrung kann irren.

 

Kunststoffherstellung und -eigenschaften

Zwar haben alle Sorten Kunststoff denselben Ursprung: Rohöl. Durch Erhitzung werden in Raffinerien die unterschiedlich schweren Bestandteile voneinander getrennt. So können sie einzeln entnommen werden, um die Grundlage für die unterschiedlichen Kunststoffe zu bilden. Zu den bekannteren zählen Polyester und PU. Und hier fangen die Probleme des Recyclings an: Das Polyster im Pullover hat für jeden erkennbar andere Eigenschaften als das Kunstleder einer Couch. Dazu kommen die Probleme, die von der Industrie (vermeintlich) für die Kund*innen geschaffen werden: wie der Zusatz von Farben, um den Produkten ein ansprechendes Aussehen zu geben.

 

“Ich mache das zwei, drei Mal im Monat” meint Mathias Ruckdeschel und schluckt eine Hand voll Plastikkügelchen. Als Ingenieur am Kunststoffzentrum kann er die Gesundheitsgefährdung einschätzen: es gibt keine. Reines Plastik, wie er es zu seinem Vortrag über die Herstellung und die technische Beschaffenheit von Kunststoffen mitgebracht hat, ist ungefährlich. Es wird vom Körper ohne jede Verstoffwechselung wieder ausgeschieden. Die gesundheitlichen Bedenken kommen von den Zusatzstoffen, mit denen das Plastik versetzt wird - beispielsweise Farben oder Weichmacher.

 

Recycling und Downcycling

Selbst dort, wo es wegen des Pfands ein funktionierendes Wiederverwertungssystem gibt, verhindert die Einfärbung, dass das Plastik unbegrenzt recycelt werden kann. Die eine Flasche ist schlicht durchsichtig, die andere blau, weil das den Verbraucher*innen ein besonderes Gefühl von Frische vortäuscht, und eine dritte ist, weil sich die Supermarktkette mit ihrer Eigenmarke abheben möchte, grün. Diese Einfärbung ist unauslöschbar in die Flaschen geprägt. Kommt es im Laufe der Zeit zu einer Vermischung, bekommt die durchsichtige Flasche einen Grünstich oder das “frische” blau verblasst wegen der durchsichtigen Flaschen. Die Folge: Die Industrie möchte das PET nicht für neue Flaschen verwenden, nimmt es aus dem Wiederverwertungszyklus und führt es der Entsorgung zu. Mit jeder Wiederverwendung steigt also die Wahrscheinlichkeit, dass das Plastik weit vor Ende seiner Verwendbarkeit aus dem Recyclingkreislauf genommen wird. Aber es gibt auch in der Logik des Plastiks nachvollziehbare Gründe, wieso es zum Downcycling oder zur Energieverwendung kommt, erklärt Ruckdeschel:

“Jeder Kunststoff hat seine eigenen Produkteigenschaften, die gewollt sind und gebraucht werden. Dennoch kann man das Plastik optisch oft nicht unterscheiden.”

 


Da die Reinheit des Kunststoffes in vielen Fällen entscheidend ist, kann Plastik nicht beliebig oft recyclet werden. Problematisch wird das, wenn das Plastik mit gesundheitsgefährdenden Stoffen, wie Weichmachern, Flamm- oder UV-Schutz beschichtet ist, und auf die Deponie kommt oder in die Natur gelangt. Auf den Deponien verrottet selbst das als “abbaubar” deklarierte Plastik oftmals viel langsamer als von den Herstellern angegeben. Weil auf der Deponie andere Bakterienkulturen und Klimabedingungen vorherrschen als die, unter denen die Hersteller die Abbaubarkeit getestet haben. Dies geschieht in Würzburg, wo das Plastik mit der Energiegewinnung einer sinnvollen Verwendung zugeführt wird, zum Glück nicht.

 

Probleme

Was für die Deponien gilt, gilt natürlich besonders für die Natur. Abhängig von den Umwelteinflüssen und der Beständigkeit des Rohstoffes kann die vollständige Zersetzung zwischen einem Jahr und eintausend Jahren dauern. Augenfällig wird das am “Great Pacific Garbage Patch”, einer von der Strömung des Pazifiks zusammengetragenen Meeresmüllkippe, die etwa vier bis fünf Mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Zwar zersetzt sich dieser Müll in der rauhen Umgebung des Pazifiks in aller Regel mehr als doppelt schnell wie an Land, aber dafür weiß niemand, was mit den schon leicht zerkleinerten und in Folge nicht mehr schwimmfähigen Partikeln geschieht. Sie sinken zum Meeresboden ab, wo andere Umwelteinflüsse vorherrschen: weniger Licht, Temperatur und Strömung, was die Zersetzung mutmaßlich zum Erlahmen bringt.

 

Lösungen

Diese Probleme sind nicht weit von uns entfernt. Es geht nicht nur um Offshore-Müllhalden im Pazifik oder riesige Müllkippen in Afrika und Asien. Diese Probleme gibt es auch vor unserer Haustüre: Bei Köln wird erstmals die Grenze von 5.000 einzelnen Plastikpartikeln pro Kubikmeter Rheinwasser überschritten. Nach den großen Industriestädten Nordrheinwestfalens erreicht die Verunreinigung sogar den Grad von über 20.000 Plastikteilchen auf 1.000 Liter Rheinwasser. Doch was können wir tun?

 

“Regionale Maßnahmen sind nicht die Lösung”, ist sich Würzburgs Oberbürgermeister Christian Schuchardt nach dem Vortrag sicher. Bereits während den Ausführungen des Ingenieurs am SKZ - Das Kunststoff- Zentrum, Mathias Ruckdeschel, gab es viele Ideen für Lösungen: beispielsweise eine intensivere Mülltrennung nach unterschiedlichen Kunststoffsorten durch die Bürgerinnen und Bürger, wie sie in einigen Gemeinden des Chiemgaus bereits praktiziert wird. Hier sieht Schuchardt jedoch das Problem, dass in einer dichtbebauten Großstadt wie Würzburg vielen Anwohnerinnen und Anwohner gar nicht der Platz für weitere Mülltonnen zur Verfügung stehe. Auch auf fachlicher Ebene bezweifelte Ruckdeschel, dass solche Ansätze wirklich zu einer Verbesserung beitragen könnten: Viele verstünden schon im jetzigen System nicht genau, welcher Müll in welche Tonne gehöre. Es sei fraglich, ob so die nötige Reinheit für die Weiterverwertbarkeit erreicht werden könne. Deshalb möchte Christian Schuchardt auch weiterhin lieber auf die Angestellten der kommunalen Müllentsorgung vertrauen, die eine professionelle Sortierung vornehmen.

 

Wie die weitere Diskussion mit ihren vielen Vorschlägen zeigte, müssen die meisten Lösungen überregional erarbeitet und umgesetzt werden:

  1. Eine Steuer auf die Weiterverarbeitung von Öl zu Plastik. Bisweilen kommt es immer wieder dazu, dass geringe Rohölpreise die Herstellung neuen Plastiks günstiger werden lassen als das Recycling alter Wertstoffe. Mit einer Steuer auf auf die Herstellung neuen Plastiks, könnte dieses Problem konkret angegangen und Arbeitsplätze in der von den Auswirkungen des Corona-Pandemie betroffenen Recycling-Branche gesichert werden. Außerdem wäre diese Maßnahme so zielgenau, dass sie keine Belastung für Menschen darstellt, die privat oder beruflich auf das Auto angewiesen sind.
  2. Förderung der Forschung, unter anderem um die Trennbarkeit unterschiedlicher Kunststoffe zu erhöhen, Qualitätsschwankungen zu minimieren und so den Prozess des Downcyclings zu verlangsamen und die Wiederverwendbarkeit des Plastiks zu erhöhen. Der AKU Würzburg - Arbeitskreis Umwelt und Stadtentwicklung der CSU spricht sich darüber hinaus dafür aus, überflüssige Einflüsse zu reglementieren, die zu Downcycling führen. Denn niemand braucht blaue Wasserflaschen, weil diese das Wasser frischer wirken lassen. Und niemand braucht grüne Wasserflaschen, nur damit ein Einzelhändler exklusiv erkennbar ist.
  3. Bewusstsein schaffen und Vorbild sein, ist auch nach der Expertenmeinung von Mathias Ruckdeschel das bestmögliche, was die Stadt #Würzburg leisten kann. Dieses Thema ist Schuchardt deshalb besonders wichtig. So wurde jüngst die Ausstellung “Planet Plastic” im Rathaus gezeigt. Außerdem wurden in seiner Amtszeit das Projekt “Recup-Becher” gestartet und die Verwendung von recycelten Büromaterialen in der Verwaltung enorm erhöht: beispielsweise im Bereich des Papiers von 15,9 auf 93,7%. Eine ähnliche Entwicklung wird gerade bei allen (Plastik-) Büromaterialen vollzogen und die Kantine ist mittlerweile soweit wie möglich plastikfrei.

 

Diesen Weg will Schuchardt konsequent fortsetzen. Aber er ist, wie Ruckdeschel, der Meinung, dass das Problem größer angegangen werden muss. Und auch hier geht der Oberbürgermeister mit der Stadt Würzburg voran: “Wir dürfen nicht nur hier mit viel Geld an den letzten Prozent Nachhaltigkeit arbeiten. - Wir müssen auch unseren Partner-städten in aller Welt helfen, in die Nachhaltigkeit einzusteigen.”

 


Hierzu hat Schuchardt nicht nur privat mit den Spenden zu seinem 50. Geburtstag beigetragen, die zu 100% in Projekte der Würzburger Partnerstadt Mwanza geflossen sind, sondern er wurde auch als Stadtoberhaupt aktiv: “Jeder Feuerwehr- und Müllwagen, der dort fährt, kommt aus Würzburg.”

 


Damit wird der tansanischen Stadt geholfen, überhaupt in die Müllentsorgung und das Recycling einzusteigen. Natürlich noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Aber der kostengünstige Einstieg dort, bringt vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit für die Umwelt viel mehr, als mit viel Geld in Würzburg die letzten Prozentpunkte in Sachen Nachhaltigkeit zu erreichen. Schuchardt möchte weiterhin auf dem afrikanischen Kontinent helfen, “weil es sich die Welt nicht leisten kann, dass Afrika in seiner Entwicklung die Ressourcen der Erde genauso ausbeutet, wie wir Europäer es getan haben.”

 

Damit die Stadt dieses Engagement noch verstärken kann und weitere Städte angeregt werden, ebenfalls ihre afrikanischen Partnerkommunen zu unterstützen, spricht sich Oberbürgermeister Schuchardt dafür aus, dass dieses Engagement künftig belohnt wird. Zum Beispiel durch die teilweise Einpreisung eines globalen Beitrags zur weltweiten CO2-Ersparnis in den Klimahaushalt der Stadt.