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Wie Landwirtschaft ohne chemischen Pflanzenschutz geht

Würzburg: Was, wenn in Zukunft keine wirksamen chemischen Pflanzenschutzmittel mehr zur Verfügung stehen? Über diese Frage haben Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Landwirtschaft und Behörden an der Uni Würzburg diskutiert. Zugegeben, es handelt sich um ein Extremszenario: eine Welt, in der es keine wirksamen chemischen Pflanzenschutzmittel mehr gibt. Völlig unrealistisch ist die Vorstellung jedoch nicht: „Verschiedene Umstände können dazu führen, dass in Zukunft keine chemischen Pflanzenschutzmittel mehr zur Verfügung stehen“, sagt Dr. Ute Fricke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Zoologie 3 (Tierökologie) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

So genannte „resistente Schadorganismen“ in Kombination mit wenigen Neuzulassungen und auslaufenden Zulassungen von chemischen Pflanzenschutzmitteln könnten ein Grund dafür sein. Aber auch der gesellschaftliche Druck könnte zu einem Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel führen. „Der aktuelle gesellschaftliche Druck diesbezüglich wird von den Teilnehmenden jedoch sehr unterschiedlich wahrgenommen, von sehr hoch bis derzeit stark abnehmend“, so die Wissenschaftlerin. Ein Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel hätte deutliche Folgen Vor diesem Hintergrund hatte Ute Fricke im Rahmen des europäischen T0P-AGRI-Netzwerks (mehr dazu unten) zu einem Workshop an die Universität Würzburg eingeladen, um das Extremszenario mit seinen Folgen sowie mögliche Gegenmaßnahmen zu diskutieren. Daran teilgenommen haben Vertreterinnen und Vertreter des ökologischen und des konventionellen Landbaus, des Landschaftspflegeverbandes Würzburg und des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF Kitzingen-Würzburg). Vergleichbare Workshops fanden in den letzten Monaten auch unter anderem in Frankreich, Polen, Schweden, Serbien und Italien statt.

„Im Rahmen des Workshops in Würzburg haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zahlreiche Maßnahmen zusammengetragen, die dazu beitragen können, im Extremfall auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten zu können“, fasst die Wissenschaftlerin das zentrale Ergebnis zusammen. Solche Maßnahmen hätten allerdings zur Folge, dass insgesamt weniger Getreide produziert würde, dafür aber beispielsweise mehr Hülsenfrüchte, wie etwa Erbsen, Luzerne und Sojabohnen.

Dann müssten neue Absatzmärkte erschlossen werden, und Menschen müssten ihre Ernährung dem veränderten Angebot anpassen, sprich: weniger Getreideprodukte und dafür mehr Hülsenfrüchte verzehren. Auch die Tierhaltung und Biogasanlagen müssten in die Verwertung der Produkte einbezogen werden, was sich auf die Futtermittelimporte auswirken würde.

Eine Vielzahl positiver Nebeneffekte

Für den Boden und das Klima hätten diese Maßnahmen eine Vielzahl positiver Nebeneffekte: „Die Bodenfruchtbarkeit steigt, die Wasserhaltefähigkeit des Bodens nimmt zu, was mit einer verbesserten Pufferkapazität bei Extremwetterereignissen einhergeht, und die Böden sind besser vor Erosion geschützt“, zählt Ute Fricke auf. Darüber hinaus würde dies einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Einig waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops darin, dass es ohne chemische Pflanzenschutzmittel zu Ertragseinbußen und Ernteverlusten durch Schadorganismen kommen wird.

Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen könnten jedoch bei standortangepasster Umsetzung und entsprechenden Änderungen der politischen Vorgaben höhere Erträge erzielt werden als im derzeitigen Durchschnitt des Biolandbaus. „Ertragsstabilität kann durch die vorgeschlagenen Maßnahmen jedoch nicht gewährleistet werden“, so Ute Fricke. Um resiliente,ertragreiche Anbausysteme zu schaffen, die ohne chemische Pflanzenschutzmittel auskommen, seien deshalb über den erarbeiteten Katalog hinausgehende Maßnahmen und Innovationen notwendig.

Der Workshop
Der Workshop fand im Rahmen des T0P-AGRI-Netzwerks („Towards zer0 Pesticide AGRIculture: European Network for Sustainability“) statt. Dabei handelt es sich um eine europäische Initiative, die sich mit Veränderungen im Anbausystem beschäftigt, die es ermöglichen, qualitativ hochwertige und bezahlbare Lebensmittel ohne chemische Pflanzenschutzmittel zu produzieren. Geleitet wurde der Workshop von Dr. Ute Fricke, unterstützt von Dr. Fabienne Maihoff und Denise Bertleff – alle drei arbeiten am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie der Universität Würzburg.

Mehr Informationen zum TOP-AGRI-Netzwerk (https://www.cost.eu/actions/CA21134/)

Die Überwältigung eines Kontinents
Vor 140 Jahren fand in Berlin die „Afrika-Konferenz“ statt. Wie sich dieses historische Ereignis noch heute auf den Kontinent und seine Menschen auswirkt, diskutiert das Schelling-Forum am Samstag, 16. November 2024. Mitte November 1884 begann auf Einladung Otto von Bismarcks die „Afrika-Konferenz“ in Berlin: Ohne auch nur einen Vertreter afrikanischer Interessen einzuladen, verhandelte das Deutsche Reich mit anderen europäischen Staaten, den USA und dem Osmanischen Reich über ihre imperialen Ansprüche.

Oberstes Ziel der Konferenz war es, die europäische koloniale Expansion und Beherrschung Afrikas einvernehmlich zu regeln und rechtlich abzusichern. Auch Deutschland errichtete Kolonien in Afrika. Bis heute wirken sich die Folgen des Kolonialismus auf das Leben der Menschen in Afrika, auf ihre politischen Systeme, ihre Wirtschaft und Gesellschaften aus. Welcher Stellenwert kommt der Berliner Afrika-Konferenz zu? Welche Verantwortung trugen Otto von Bismarck und das Auswärtige Amt für die Kolonialisierung afrikanischer Territorien und für die damit einhergehende koloniale Gewalt? Wie wirken sich diese historischen Ereignisse auf die Gegenwart der Menschen aus? Inwiefern sind geopolitische

einBLICK vom 12. November 2024, Seite 3
Konstellationen und Politiken von heute Folgen der Berliner Afrika Konferenz? Und wie kann die deutsche Gesellschaft mit ihrem kolonialen Erbe umgehen? Über diese Fragen sprechen die Afrikahistorikerin Brigitte Reinwald, der Germanist David Simo und der Historiker Carlos Alberto Haas.

Ort und Zeit 140 Jahre Berliner Afrika-Konferenz Samstag, 16. November 2024, 17 Uhr, Schelling-Forum, Klinikstraße 3, 97070 Würzburg

Zu den Personen
Prof. Dr. David Simo ist emeritierter Professor für German Studies an der Université de Yaoundé 1 in Kamerun. Er ist Reimar-Lüst-Preisträger der Alexander von Humboldt-Stiftung und der Fritz Thyssen Stiftung.Prof. Dr. Brigitte Reinwald ist Professorin für die Geschichte Afrikas am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover. Dr. Carlos Alberto Haas war von 2013 bis 2020 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) und ist seit April 2020 Akademischer Rat a.Z. am Historischen Seminar der LMU München.

Anmeldung
Die Teilnahme ist kostenfrei und erfolgt über das Buchungsportal:

  eveeno.com/224842594

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an:  schelling-forum@badw.de.

Weniger Getreide, dafür aber mehr Hülsenfrüchte: Mit dieser Maßnahme könnte ein Mangel an chemischen Pflanzenschutzmitteln kompensiert werden. Foto: by Stockadrik / Adobe Stock